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Andreas Romberg (1767-1821)

Unbekannt Samstag, 27. März 2010, 09:06
Andreas Romberg gehört in gewisser Weise zum Beethoven-Zirkel: Der 1767 in Vechta geborene spätere Violinvirtuose und Komponist fand 1790 gemeinsam mit seinem Cousin Bernhard Romberg (Violoncellist) eine Anstellung an der Bonner Hofkapelle, wo auch Ludwig van Beethoven (noch bis 1792) als Bratscher mitwirkte. Beethovens Lehrer Christian Gottlob Neefe unterrichtete zeitweise alle drei Musiker. Ferdinand Ries (1784-1838), der Bonn (wie Beethoven) noch vor der anstehenden Jahrhundertwende verließ, war wohl für ein ernsthaftes Kollegenmeeting noch zu jung. Reisen führten Romberg über Paris, Italien und Wien nach Hamburg, wo er von 1800 bis 1815 lebte und wirkte. Seinem Streben nach finanzieller Sicherheit folgend, verließ er Hamburg, um sich dann in Gotha als bescheidener Kapellmeister niederzulassen. Dort starb er 1821.

Rombergs Musik hat - ganz im Gegensatz zu jener Ferdinand Ries' - weitaus weniger mit Beehoven als z.B. mit Joseph Haydn gemeinsam. Bereits bei einen wunderbaren Streichquartetten fiel mir diese unmittelbare musikalische Nähe zum Vorbild (?) Haydn auf. Romberg schuf zahlreiche sehr hörenswerte Werke, hier ein kleiner CD-ROM-Berg:

Neben den Streichquartetten, die leider nicht in HIP vorliegen (dazu weiter unten aber mehr) kenne ich seine beiden Oratorien 'Der Messias' und 'Das Lied von der Glocke' (Schiller), von denen ich jeweils sehr angetan bin. Besonders die 1809 veröffentliche Vertonung zu Schillers 'Glocke' machte ihm große Ehre:



Andreas Romberg (1767-1821)
Der Messias

Veronika Winter, Markus Schäfer,
Ekkehard Abele, Bernhard Scheffel,
Immo Schröder
Rheinische Kantorei
Das Kleine Konzert
Hermann Max

Das 1793 noch in Bonn komponierte Werk ist (etwa im Vergleich zu Händel) sehr straff gehalten und beginnt sogleich mit einem festlichen Hallelujah-Chor. Noch etwas mehr beeindruckt mich seine Vertonung von Friedrich Schillers 'Lied von der Glocke' - das Werk entstand 1809 (!):



Andreas Romberg (1767-1821)
Das Lied von der Glocke

Peter Lika, Klaus Mertens, Barbara Schlick,
Mechthild Georg, Frieder Lang
Chorus Musicus Köln
Das Neue Orchester
Christoph Spering

Das Werk hat doch deutliche Züge von Haydns späten beiden Oratorien 'Schöpfung' und 'Jahreszeiten': Es enthält sehr viele volkstümliche Elemente und ist auch der 'Zauberflöte' Mozarts nicht unweit (ich entdecke musikalische Parallelen). Der 'Meister' erinnert etwas an den 'Sarastro'.

Beide Aufnahmen sind natürlich ganz hervorragend (die 'Glocke' leider derzeit auf dem Markt vergirffen).

Eine hervorragende Ergänzung zu den Streichquartetten Joseph Haydns sind die beim Label MDG erschienenen beiden CDs mit Streichquartetten Andreas Rombergs:



Andreas Romberg (1767-1821)
String Quartets Vol. I

Quartett F-Dur op. 1 Nr. 3
Quartett g-moll op. 1 Nr. 2
Quartett Es-Dur op. 1 Nr. 1



Andreas Romberg (1767-1821)
String Quartets Vol. II

Quartett h-moll op. 30 Nr. 1
Quartett g-moll op. 16 Nr. 2
Quartett a-moll op. 2 Nr. 2


Eingespielt hat sie das Leipziger Streichquartett: nicht HIP, aber außerordentlich gut gelungen. Hier finden sich wiederum einige Parallelen zu Haydns Quartetten: Für den Streichquartettkenner und -liebhaber ist es unüberhörbar, daß Romberg deutlichen Bezug auf die damals beliebten und bekannten Quartette von Joseph Haydn nimmt. Bei der Serie op. 1 [Vol. I] schimmert in den langsamen Sätzen auch später Romantik-Mozart hindurch. Das Publikum goutierte diese Bezüge offensichtlich, da ihm die Werke von Mozart und Haydn deutlich an der Zahl zu wenig waren und Neues, qualitativ Gleichwertiges [!] selbstredend, weil selten, höchst erwünscht war.

Am deutlichsten ist der Bezug des Menuetts des a-moll-Quartetts op. 2 Nr. 2 zu Haydns sogenanntem Hexenmenuett aus dessen op. 76 Nr. 2 in d-moll. Da springt die Vorlage förmlich ins Ohr - und Rombergs "Nachbau" ist mehr als hörenswert und klingt überhaupt nicht nach Epigonentum. Das Publikum warf Romberg später jedoch mehr oder weniger vor, daß keine stilistische Entwicklung - wie etwa bei Beethoven, der seine opp. 18 etwa zeitgleich mit Rombergs opp. 1 und 2 komponierte - stattfand. Doch: Was soll's? Ich habe lieber etwas Handfestes in Ohren, als mißglückte Versuche [was Beethovens späte Quartette natürlich nicht sind].

Dem Booklettext und den Tracklistings ist einfach zu entnehmen, daß entgegen obiger Annahmen keine Gesamteinspielung der Rombergschen Quartette vorliegt, sondern lediglich eine - dafür wunderbare - Auswahl. Von den Quartettserien op. 2, 16 und 30 wurde in Vol. II je ein Werk ausgewählt und eingespielt, die Dreierserie op. 1 ist hingegen in Vol. I vollständig vertreten. Da darf man nur hoffen, daß diese Reihe nochmals fortgesetzt werden wird, denn die 1819 komponierten Quartette op. 53 und 59 fehlen ganz, wie auch das allein stehende Quartett op. 11 aus 1802, sowie die frühen Serien opp. 5 und 7: da wird den Ohren noch einiges vorenthalten!

Im Aufbau hält sich Romberg ebenfalls an die von Haydn bevorzugte Satzfolge in beiden Varianten: Menuett und langsamer Mittelsatz, jeweils mal als 2ter oder dritter Satz, werden von jeweils einem schnellen Satz eingerahmt. Das Finale des g-moll-Quartetts op. 1 Nr. 2 orientiert sich hingegen mehr an Mozarts Finale zum Quintett KV 516 [ebenfalls g-moll]: Erst nach einer eher archaischen langsamen Poco-Adagio-Einleitung folgt das Presto...

Zu meinen Lieblingswerken zähle ich in der kürze der gehabten Zeit bisher das Quartett h-moll op. 30 Nr. 1 und das Quartett a-moll op. 2 Nr. 2.

:angel:
Unbekannt Samstag, 27. März 2010, 10:09
Ich sehe gerade: Bei JPC gibt´s die beiden Streichquartett-CDs im Doppelpack etwas günstiger (das Cover zeigt dann allerdings nur Vol. 1).



Die Hörproben klingen in der Tat verlockend. In einer Rezension des FonoForums wird für die Streichquartette allerdings neben Haydn und Mozart auch der Verlgeich mit Cherubini gezogen (den ich nicht ausstehen kann). Außerdem wird klangtechnisch zu viel Hall der Aufnahme bemängelt.

Gruß, Carola
Unbekannt Samstag, 27. März 2010, 11:21
Den Vergleich zu Cherubini kann ich nicht ziehen (vielleicht Martin?), da ich Cherubinis Kammermusik (noch) nicht kenne. Mozart hatte ich ja auch erwähnt, ist aber IMO eher Nebensache. Und ja: Die beiden Volumina gibt es auch im günstigeren Doppelpack. Zu viel Hall wäre mir sicherlich aufgefallen... (vermutlich hört man das nur über Kopfhörer, ich höre gerade das h-moll-Quartett und habe diesbezüglich nichts zu Meckern).

:wink:
Unbekannt Samstag, 27. März 2010, 20:46
Hallo,

die Streichquartette Rombergs sind für Freunde des klassischen Streichquartetts IMO eine Bereicherung.

Den Vergleich zu Cherubini kann ich nicht ziehen (vielleicht Martin?)


Romberg sehe ich als in der deutsch-österreichischen Tradition komponierend. Der Vergleich mit Cherubini drängt sich mir nicht auf, eher der mit Haydn. Wenn man Cherubinis Streichquartette nicht ausstehen kann (was mich in dieser drastischen Form doch verwundert), muß das bei Rombergs Quartetten nicht zutreffen.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Samstag, 27. März 2010, 20:56
Der Vergleich mit Cherubini drängt sich mir nicht auf, eher der mit Haydn. Wenn man Cherubinis Streichquartette nicht ausstehen kann (was mich in dieser drastischen Form doch verwundert), muß das bei Rombergs Quartetten nicht zutreffen.

Viele Grüße,
Martin.
Cherubini klingt mir zu theatralisch, zu italienisch-opernhaft, so etwas mag ich überhaupt nicht. Aber die Romberg-Quartette setze ich mir auf den Merkzettel.

Gruß, Carola