Alte Musik Forum

ALTE MUSIK FORUM

Digitales Archiv & Expertenwissen

André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813)

Unbekannt Dienstag, 29. September 2009, 16:50
La Caravane du Caire

Vorrede:

Ich erlaube mir, einen Beitrag aus dem anderen Forum hierher zu übertragen, da mich Grétry nach wie vor sehr beschäftigt.

Ich wäre sehr interessiert von weiteren Einspielungen der Meisterwerke dieses Künstlers zu hören, zumal mich immer wieder Bekannte danach fragen, wenn sie bei mir die wunderbare Einspielung unter der Leitung von Minkowski hören.



Es mag erstaunen, dass ich just einen Komponisten zu meinem ersten Beitrag zu Opern wähle, der garnicht aus der Zeit von Rameau ist, sondern jemand der zeitgleich zur Wiener Klassik schuf. Aber ich kam nicht umhin. Denn wiewohl mich Mozart ein wenig langweilt und die Klassiker wenig ansprechen, haute mich diese Oper völlig um. Früher dachte ich, dass der große Chor für den Bassa in der "Entführung aus dem Serail" (Mozart) so das umwerfenste aus dieser Zeit wäre. Doch weit gefehlt, gegen einen Grétry machte Mozart eher ein leichtes Seuseln auch mit seinen größten Chören.

Grétry gehörte im späten 18.Jh. offenbar zu den unangefochtenen Meistern der Oper in Frankreich und er feierte Triumph auf Triumph. "La Caravanne du Caire" soll über 500-mal allein an der Opéra in Paris von 1784 bis 1829 aufgeführt worden sein. Also war es ein Werk das noch weit über den Tod des Meisters (1813) hinaus seine Erfolgsgeschichte fortsetzte.

Die Stärken der Oper selbst liegen in einer für die französische Oper typischen Mischung aus überaus gelungenem Libretto von Chédeville und einer gewaltigen Aneinanderreihung von Ohrwürmern, die damals augenblicklich zu Gassenhauern geworden sein müssen. Kein Wunder, dass viele Passagen dann im Empire Eingang in die Militärmusik fanden. Allein das "La victoire est à nous!" des 1. Aktes erfreute sich so großer Beliebtheit, dass es im Empire oft eigenständig gespielt wurde.

Jetzt aber zur Oper!

Es handelt sich um eine Opéra-ballet. Man muss dazu sagen, dass Grétry garnicht beabsichtigte die Oper wie ein Gluck mit irgendwelchen Ansprüchen auf eine reine Form zurück zu führen oder gar eine traditionelle Oper zu schaffen. Nein! Grétry wollte ganz das Gegenteil, er wollte das Beste aus der Opéra-comique, der opéra-ballet und der tragédie-lyrique zusammen nehmen und etwas originär Neues schaffen. Und das ist ihm hier auch gelungen. Die humorvollsten Partien einer französischen Oper, die ich je hörte finden sich hier (2.Akt), gleichfalls großartige Tänze, aber auch die Kämpfe, Seelenpein und so fort, wie man es von ernsthafteren Werken kennt. Zugleich hört man herraus, dass sich Grétry mit dem ganzen Streit seines Jahrhunderts um die beste Opernform zwischen Buffonisten, Ramisten und dann Gluckisten und Piccinisten beschäftigte und auch daraus seine Schlüsse zog. Er kam dem Publikum entgegen, indem er keine langweiligen oder sonstwie für die Aufmerksamkeit anstrengenden Partien ließ. Statt dessen arbeitete er stark mit den Arien, Arietten (welche man Rameau bisweilen vorgeworfen hat) und einigen großartigen Chören.

Der 1. Akt führt uns die Karavane selbst vor. Diese setzt sich aus Sklaven verschiedenster Nationalitäten zusammen, was Grétry dazu nutzt verschiedene flokloristisch anmutende Klänge einzuweben. Husca ist der Sklavenhändler, der unter anderem Saint-Phar und seine Braut Zélime bei sich hat. Da kommen auch schon Angreifer herran und wollen die Karavane überfallen. Saint-Phar bietet sich an, wenn er befreit wird, bei der Verteidigung der Karavane seinen Mut zu beweisen. Natürlich wird der Angriff, welcher vom Orchester brausend herran getragen wird, abgeschlagen und Saint-Phar erhält seine Freiheit. Von Zélime eingeleitet verkündet der große Chor "La vitoire est à nous"! Seine Braut will Husca aber nicht frei geben, da er ahnt, dass diese weit mehr als Saint-Phar wert ist. Das bringt Saint-Phar dazu am Ende noch einmal über sein Schicksal zu klagen.

Der 2. Akt spielt an verschiedenen Schauplätzen. Zuerst überzeugt Husca den Eunuchen Tamorin, sich für ihn beim Pacha Osman zu verwenden. Tamorin gelingt es nun tatsächlich den Pacha, der von einer Melancholie befallen ist, davon zu überzeugen, dass ihn die neu eingetroffenen Sklavinnen auf andere Gedanken brächten. Zuvor beschreibt noch der Pacha die Vorzüge der Franzosen(was dem französischen Publkium zweifellos schmeichelte). Immerhin hatte ihm Florestan, ein Franzose, ein Schiff gerettet. Almaïde, eigentlich die Lieblingsfrau des Pacha, ist betrübt, da er kein Interesse mehr für sie und den Harem zeigt. Der Pacha hat ein witziges Gespräch mit Tamorin, wobei die Damen Europas verglichen werden"Les Hollondaise . Hier arbeitet Grétry sogar einmal mit Rezitativen, übertreibt es aber nicht, sondern streut auch immer wieder kurze Gesangspartien ein. Überhaupt sind die Arien und Arietten sehr kurz und das macht vielleicht den enormen Unterhaltungsfaktor aus. Jedenfalls lässt sich der Pacha überzeugen, sich die Sklavinnen anzusehen - "Je veux dans le basar". Nun kommt eine der umwerfensten und überraschensten Stellen. Ein "Danse génerale" und ein Marsch, wobei die Musik unglaublich modern und mitreißend erklingt. Auf dem Basar werden drei Sklavinnen vorgestellt, welche in drei Arien ihre Gefühle über die Skaverei kundtun: Eine Französin, eine Italienerin und eine Deutsche. Die Italienerin hat dabei wohl die schwierigste Arie der Oper und singt übrigens ihre Heimatsprache, während die Deutsche eine ganz schlichte Arie besitzt mit zurückgenommenem Orchester. Es kommt wie es kommen muss, der Pacha entscheidet sich für Zélime und Saint-Phar ist höchst betrübt.

Im 3. Akt wird ein Fest im Palaste des Pacha dargestellt. Der Pacha hatte dazu unter anderem Almaïde beauftragt. Dieses Fest soll Florestan ehren. Doch dieser ist noch immer wegen seiner Traurigkeit über den Verlust seines vermissten Sohnes erfüllt von Kümmernis. Plötzlich wird Alarm geschlagen! Zélime ist entführt worden! Sofort hat man Franzosen, wohl die des Gefolges von Florestan, im Verdacht, was den wackeren Florestan erregt. Doch zu seiner Schande wird der Täter entdeckt. Es ist sein Sohn Saint-Phar! Nun hat er ihn zwar wiedergefunden, muss aber in ihm einen Verbrecher an seinem Freunde, dem Pacha erblicken. Schließlich erweichen Almaïde, Zélime und Saint-Phar das Herz des Pacha und Zélime erhält mit ihrem Saint-Phar die Freiheit. Entsprechend wird das Glück des Saint-Phar am Ausgang der Oper gefeiert. Es schließt sich eine große Ballettpartie zum Abschluss der Oper an.



Von Rameau ist man ja schon manche umwerfende Tänze und Chöre gewöhnt, aber dies alles erfährt bei Grétry noch eine Steigerung. Wie es sich für eine Opéra-Ballet gehört gibt es große Melodien zu Tänzen zu hören. Komischerweise kommt dabei das Orientalische etwas zu kurz. Stattdessen bestimmen die Nationalitäten der Sklaven die Bühne (womit man diese Passagen vielleicht ein bisschen mit "Le turc genereux", dem 1. Entrée von "Les Indes Galantes" vergleichen kann). Alles an dieser Oper ist dazu angetan, sie zu hören und eben nicht wegzuhören. Dabei fehlte mir bis jetzt ja noch der Eindruck, den wahrscheinlich damals ein großartiges Bühnenbild und die prächtigen Kostüme und die lebhaften Tänze erweckten.



Derzeit liegt mir "nur" die Einspielung von Marc Minkowski mit der Ricercar Academy vor. Leider scheint es zu Kürzungen gekommen zu sein, welche im beiliegenden Heft erwähnt wurden, wobei mir die Streichung von Englischen Tänzen am ehesten aufstößt, da mich schon interessieren würde, was damit gemeint war.
Unbekannt Dienstag, 29. September 2009, 17:14
ja das Problem ist, du hast eine Neuauflage der Oper oder ?

diese hier:





ich hab die Originalausgabe:




allerdings meine ich, dass diese Einspielungen auch schon Kürzungen aufweißt. Man müsste das bei Gelegenheit mal vergleichen.


Ansonsten gibt es wahrhaftig kaum Aufnahmen von Gretry, zumal schon mal gar nicht Gesamtaufnahmen, wenn man dann noch einen HIP Anspruch an, dann sieht es ganz böse aus.


Aber eines von Gretrys erfolgreichsten Werken gibt es in einer ziemlich guten Aufnahme (60er Jahre) absolut unhip, aber trotzdem gut gespielt und gesungen:


Zemire et Azor

aber wie ich gerade sehe - gestrichen und nur noch zu Wucherpreisen erhältlich (...)


ansonsten kann ich nur noch auf folgende CD's hinweisen:




ebenfalls unhip, aber gar nicht so verkehr gespielt, Tänze und Ouvertüren.



die eindeutig beste Gretry CD die momentan auf dem Markt ist


Das Programm bietet einen guten Überblick über das Opernschaffen von Gretry:

I.Céphale et Procris (1773)
- Entree des Heures du matin
- Recitativ et Air « C’est ici que le beau Céphale »
- Ballet des Nymphes de Diane
- Tambourin
- Ariette « Mon Cœur blessé »
- Danse infernale
- Pantomime
- Air « Ne vois-tu pas ce qui m’engage »
- Air lent
- Gigue légère
- Air grave pour un faune

Das Werk wurde 1773 für die Hochzeit des Grafen von Artois geschrieben und im Opernsaal von Versailles aufgeführt. Die Oper wurde recht kühl aufgenommen, und als sie ein Jahr später in Paris an der Academie Royale de Musique erklang, empfand man das Werk als altmodisch, da das Publikum kurz zuvor Glucks „Ipigenie“ und Orphée et Euridyce“ erlebte und davon noch „geschockt“ war.
Grétry hatte mit diesem Werk ganz einfach Pech, dennoch sind die Auszüge von umwerfender Schönheit und man sehnt sich nach einer Gesamtaufnahme.
Schade das die Chaconne nicht mit aufgenommen wurde, Gretry verwendete diese später als Schlussballett für die „Caravane du Caire“

II. Les deux Avares (1770)

- Ouverture
- Ariette « Plus de dépit »
- Ariette « Fuyons ce triste rivange

Hier werden Auszüge aus einer Opera Comique vorgestellt, dem Gengre das nach dem Tode Rameaus so erfolgreich on Paris gewesen ist. Gretry sollte in diesem Bereich der unangefochtene Meister werden.

III. Anacrèon chez Polycrate (1797)
- Contredanse
- Air « Non ! mon pére »
- Pas de deux
-
Das letzte erfolgreiche Werk Gretrys, das vom Sujet ganz den Idealen, bzw. Zwängen der Revolutionszeit verbunden ist.
Allerdings ist kein Werk das man zu den „Schreckensopern“ zählen kann, denn 1797 war bereits die Ära Napoleon angebrochen und ab da war ein leichteres Programm, eine Rückbesinnung auf die Opera Comique gefragt.

IV. La Caravane du Caire (1783)

- Danse Egyptienne
- Air italien « Fra l’orror della tempesta »


Die Karawane von Kairo ist ein Opera-Ballet, das in seiner Gesamtheit recht laut, bunt und witzig daherkommt. Leider ist die Gesamtaufnahme die Marc Minkowski gemacht hatte gestrichen.
So muss man sich hier mit zwei Stücken aus dem Werk begnügen.
Gretry folgt in diesem Werk der allgemeinen Mode der Zeit, denn Mozart war nicht der einzige der eine „Türkenoper“ verfasste.



Die Interpretation der CD ist sehr gut gelungen, wer die Stimme von Sophie Karthäuser kennt, dem brauche ich hier nichts mehr zu erzählen, eine beeindruckende Sängerin.
Das Ensemble „Les Agremens“ spielt auf historischem Instrumentarium.
Und diese Einspielung ist bestens dafür geeignet sich von der spritzigen Musik Gretrys berauschen zu lassen.



und noch eine CD mit einer Grand Motet für die Chapelle Royale de Versailles:


Grands Motets pour Louis XVI

diese CD kann ich ebenfalls nur wärmsten empfehlen.
Neben Gretry sind noch geistliche Werke von Giroust und Gossec zu hören.
Unbekannt Mittwoch, 30. September 2009, 12:08

ja das Problem ist, du hast eine Neuauflage der Oper oder ?

diese hier:





ich hab die Originalausgabe:




allerdings meine ich, dass diese Einspielungen auch schon Kürzungen aufweißt. Man müsste das bei Gelegenheit mal vergleichen.

Hinsichtlich der Kürzungen:

Ich schau mal nach wie lang die "Caravanne" selbst ist. Von den 155min. abzuziehen wäre ja der Teil von "Le jugement de Midas", was als hübsche kleine Zugabe mit auf der CD der "Caravanne" zu finden ist. (Cécile liebt die Arie der Mopsa!)

Mir scheinen die Kürzungen von Minkowski selbst für den Liveauftritt schon vorgenommen worden zu sein.

Im Übrigen wäre es sicherlich besser, sich hier nur mit dieser Oper zu beschäftigen und vielleicht einzelne Threads zu anderen Werken aufzumachen und/oder einen zum Gesamtschaffen des Meisters.

Bin mal gespannt ob die Grétry-Auffürungen derzeit in Versailles irgendwas hinsichtlich Einspielungen bringen. :)

Von "Richard Coeur de Lion" findet man ja manche Versatzstücke auf Youtube.
Unbekannt Mittwoch, 30. September 2009, 12:31
da kommt bestimmt noch einiges, aber das wird dauern.

Zuersteinmal rechne ich damit, dass das vorangegangene "Lully Jahr" einiges an Neuheiten bringen wird.

Vor allem weil sie mit viel Mühe die 24 Violons du Roi rekonstruiert haben.



Ich denke bei Gretry wird es ganz sicher eine Aufnahmen von "Cephale et Procris" geben.
Aber mal abwarten - meist erscheinen diese Sachen bei Alpha oder Astree und die sind nicht so schnell mit Veröffentlichungen.
Schade, dass das CMBV kein eigenes Label aufmacht, eigentlich wäre das mal an der Zeit.
Unbekannt Freitag, 30. Oktober 2009, 20:12
Guten Abend

Andrè-Ernest-Modeste Grètrys "Tragèdie lyrique" in drei Akten "Andromaque" wird bei den "Schwetzinger Festspielen" 2010 vier mal aufgeführt. Die Produktion ist eine Ausgrabung für Schwetzingen; Hervé Niquet leitet das Ensemble Le Concert Spirituel.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard

(Ich habe mir die Termine -23., 25., 27. u. 28 April 2010- mal vorgemerkt)
Unbekannt Donnerstag, 26. November 2009, 14:26
Guten Abend

Andrè-Ernest-Modeste Grètrys "Tragèdie lyrique" in drei Akten "Andromaque" wird bei den "Schwetzinger Festspielen" 2010 vier mal aufgeführt. Die Produktion ist eine Ausgrabung für Schwetzingen; Hervé Niquet leitet das Ensemble Le Concert Spirituel.

Da muss ich dann wohl hin! Danke für den Hinweis, ich kontaktiere mal meine Kontaktpersonen in der Region, die für alles sorgen. :pleased:
Unbekannt Dienstag, 23. Februar 2010, 16:38
ja das Problem ist, du hast eine Neuauflage der Oper oder ?

diese hier:





ich hab die Originalausgabe:




allerdings meine ich, dass diese Einspielungen auch schon Kürzungen aufweißt. Man müsste das bei Gelegenheit mal vergleichen.


Ansonsten gibt es wahrhaftig kaum Aufnahmen von Gretry, zumal schon mal gar nicht Gesamtaufnahmen, wenn man dann noch einen HIP Anspruch an, dann sieht es ganz böse aus.


Aber eines von Gretrys erfolgreichsten Werken gibt es in einer ziemlich guten Aufnahme (60er Jahre) absolut unhip, aber trotzdem gut gespielt und gesungen:


Zemire et Azor

aber wie ich gerade sehe - gestrichen und nur noch zu Wucherpreisen erhältlich (...)




Was ich derzeit noch auf dem Markt finde sind



und



und





Mesplé und Bastin scheinen mehrfach mit Grétry-Opern aufgenommen worden zu sein.

Was ist von den Einspielungen zu halten? Die von "Richard Coeur de Lion" kann man wohl teilweise auf Youtube hören, aber das ist nicht sooo aussagekräftig.

Das scheinen alles Einspielungen aus den 1970ern zu sein, nur eben teilweise von EMI im CD-Zeitalter wieder aufgelegt.
Unbekannt Dienstag, 23. Februar 2010, 18:06

Zitat



Es gibt vom Label Armide classics ein wunderbare DVD mit dem Titel La petite musique de Marie-Antoinette. Auch hier singt Sophie Karthäuser, begleitet von Les Agréments (Leitung: Guy van Waas) während eines Konzertes 'au petit Théâtre de la Reine' (neben Werken von Gossec) Grétrys Air pour une Esclave Italienne aus der 'Caravane'. Der ägyptische Tanz ist natürlich auch mit von der Partie. Im Duett mit Pierre-Yves Pruvot singt sie noch Je l'ai vue... (Céphale et Procris). Das Ganze ist in hübsche Kulissen gebettet:


:love:
Unbekannt Samstag, 28. August 2010, 22:51
Die Andromaque gab es heute quasi nochmals im Radio (SWR2) - ein Mitschnitt vom Juli 2010 aus Montpellier. Die drei enthaltenen Melodien (je Akt eine) kamen mir sofort wieder bekannt vor (ich zappte versehentlich vorbei). Irgend wie hat diese Oper bis auf ein paar wenige lichte Momente so rein gar nichts, was mich fasziniert: Krach am laufenden Band, ein Drama jagt das nächste... als ob Grétry damit einen Ausgleich für seine (gefühlten) 145 (?) komischen Opern schaffen wollte...

:dontknow:

Interessant war aber die im Anschluß daran gesendete Suite aus seiner 1794er Oper La Rosière republicaine, 1962 von der Capella Coloniensis eingespielt (Paul Sacher leitete das Ensemble). Hier tauchte eine Melodie auf, die mir äußerst bekannt vor kam und nach einigem Nachdenken sich als das Thema der mozartschen Variationen aus dessen Stadlerquintett für Clarinette und Streicher KV 581 entpuppte. Hatten beide Komponisten etwa dieselbe Vorlage oder hat Grétry gedacht: 'Nun, Mozart ist tot...' :pfeif:
Unbekannt Mittwoch, 15. September 2010, 13:08
Die Andromaque gab es heute quasi nochmals im Radio (SWR2) - ein Mitschnitt vom Juli 2010 aus Montpellier. Die drei enthaltenen Melodien (je Akt eine) kamen mir sofort wieder bekannt vor (ich zappte versehentlich vorbei). Irgend wie hat diese Oper bis auf ein paar wenige lichte Momente so rein gar nichts, was mich fasziniert: Krach am laufenden Band, ein Drama jagt das nächste... als ob Grétry damit einen Ausgleich für seine (gefühlten) 145 (?) komischen Opern schaffen wollte...

Man nahm ihm auch damals diese Oper sehr übel, da sie keinerlei Schnickschnack enthält.

Für mich beinhaltet sie französische Musik im besten Sinne des Wortes und die Brutalität der Modernität spielt für mich garnicht die große Rolle. Man muss die Oper im Zusammenhang mit dem Libretto sehen und da gelang Grétry meines Erachtens ein Meisterwerk, die Tragödie musikalisch umzusetzen. :jubel: :jubel: :jubel:

Leider kann man wenig zu der Einspielung sagen, die ich natürlich auch habe, denn leider-leider habe ich nichts vergleichbares, da die anderen tragédie lyriques des Meisters nicht eingespielt sind.
Unbekannt Mittwoch, 15. September 2010, 21:50
Der Vollständigkeit halber erwähne ich es in diesem Thread.
Céphale et Procris unter Guy Van Waas ist seit Anfang September in einer Gesamtaufnahme erhältlich.

Eingespielt im letzten Herbst, leider ist mir eine Konzertaufführung in Lüttich entgangen, da ich selber nur wenige hundert Meter entfernt und zur gleichen Zeit mit unser Gruppe einen Auftritt hatte. Schade denn Opern oder Oratorien usw höre ich mir grundsätzlich nur live an. Irgendwo im Netz gibt es einen kurzen Mitschnitt der Pariser Aufführung. Beachtlich welche namhaften Instrumentalsolisten da im Orchestergraben sitzen.
Unbekannt Sonntag, 28. November 2010, 06:21
Ich muss ehrlich sagen, dass mich die Oper "Andromaque" ziemlich enttäuscht und kalt gelassen hat.
Den Jubel bei der Presse konnte ich keinesfalls nachvollziehen.

Gretry hat hier weder etwas neues vollbracht, noch war er sonderlich fesselnd, das fehlen von Ballettsätzen reduzierte die Dauer auf 1 1/2 Stunden. Ich dachte zuerst Niquet hat mal wieder den Rotstift gezückt, aber nein: Gretry hat das vorgesehen!

Die ernste Oper ist nicht Grétrys Fach gewesen.

Die Oper wurde in Paris 1780 aufgeführt und ist ganz klar eine (meiner Meinung nach misslungene) musikalische Adaption von Glucks Alceste, die ebenfalls extrem tragisch ist und kaum "freundliche" Musik enthält.
Und dennoch, während Gluck wirklich ein fabelhaftes Werk auf die Bühne brachte, ist Gretrys Oper einfach eine Zumutung.
Ullis Beurteilung mit "Krach" trifft es ziemlich, selbst bei der Kürze der Oper fing ich an mich zu langweilen.
Selten, dass soetwas mir bei einer frz. Oper passiert.

Ich habe sowohl die Übertragung im Radio gehört, als auch einen völlig überteuerten Sitzplatz in Schwetzingen bezahlt (was ich in Zukunft nicht mehr tun werde)
Preis / Leistung steht da in keinem Zusammenhang mehr : 60 / 70 Euro für einen Platz ganz oben hinter einer Säule, ich glaubs ja nicht....

Das Publikum dass dort zum größten Teil anwesend war, war wohl auch weniger wegen der Musik da... Schwetzing verkommt langsam zu einer "Schicki-micki Schau a la Bayreuth".
Dann lieber Konserve !


Dazu kam eine Inszenierung die wirklich unter aller Kanone war.
Eine Art Turm / Brennofen mit wahllosen rechteckigen Öffnungen, hin und wieder ein Altar.
Die Personen standen in der Gegend herum. Das Bühnenbild wurde weder verändert noch gewechselt.
Zu den Personen baute sich kein Draht auf - es war so als würde man einer Tragödie von Racine lauschen, die monoton rezitiert wird - und man zugleich auch kein Wort Französisch beherrscht.

Ich bin der letzte der etwas gegen Regietheater hat - aber da war praktisch keine Regie zu erleben. So statisch die Musik war, umso mehr wurde dies durch die unbewegliche Bühne unterstrichen.
Es hätte Sinn gemacht, wenn es Ballett gegeben hätte, was diese Statik einfach aufbricht, aber bis zum Schluss gab es keine Auflösung.

Zudem, wenn ich schon ein so schönes Rokoko-Theater habe - in der ich Musik des 17. und 18. Jh. aufführe warum dann mit biegen und brechen ein Bühnenbild und eine Regie, was mit beidem nix zu tun hat ?
Wenns wenigstens gut wäre, hätte ich keine Einwände, aber die Inszenierungen in Schwetzingen die ich bisher sah, waren eher peinlich.
Teilweise ist auch nicht selten die sängerische Leistung ungenügend.
(Ich hab ja fast alle Radiomitschnitte der letzten Jahre)
Hier erinnere ich nur an die "Proserpin" von Kraus, erstmal eingedeutsch - die originale Oper ist auf schwedisch.
Und dann wird das Finale der Oper durch die Ankuft des Jupiter regelrecht gesprengt.
Hubschrauberlärm - die Musik ist nicht mehr zu hören, dann Jupiter mit seinem unsäglich peinlichen Auftritt.
Die Arie des Jupiter ist eine hochvirtuose Koloraturarie, mit der der Sänger hoffnungslos überfordert war - so jemanden überhaupt auftreten zu lassen ist unglaublich.
Durch Schütteln des Kopfes versuchte er die Koloraturen zu imitieren - ich nenne soetwas "Koloratur-Parkinson" und das passiert anscheinend öfter, wenn Sänger die dieses Repertoire nicht beherrschen, dafür eingesetzt werden.
Und bei solchen Sitzplatzpreisen wie in Schwetzing darf man meiner Meinung nach, etwas anderes erwarten !

Und für all das soviel Geld zu verlangen ist einfach unverschämt !
Ich spare mir meine Kohle und gehe lieber hier in Kassel jeden Monat in die Oper.
Oft durchwachsen, aber mit Phantasie und viel Einsatz gemacht - da habe ich wirklich mehr davon.

Zitat

Man nahm ihm auch damals diese Oper sehr übel, da sie keinerlei Schnickschnack enthält.


Ich schließe mich dem gerne an - allerdings geht es weniger um Schnickschnack, sondern einfach darum, dass Gretry an dieser Stelle weder Gefühl für Dramatik noch für Spannung hatte.

Zitat

Leider kann man wenig zu der Einspielung sagen, die ich natürlich auch habe, denn leider-leider habe ich nichts vergleichbares, da die anderen tragédie lyriques des Meisters nicht eingespielt sind.


Vergleiche mit Gluck, Armide, Iphigenie en Tauride und vor allem Alceste.

Zudem ist es interessant, dass seine nächste Tragedie Lyrique "Electre" erst gar nicht aufgeführt wurde :hahaha:



Völlig anders sehe ich sein Ballet heroique "Cephale et Procris"
In der Fono Forum wurde die Oper fast schon verissen, teils wegen der Interpreten, teils wegen der Musik selbst.
Nun ja, dazu kamen noch einige falsche Informationen.

Das Werk war keine "Krönungsoper" sondern wurde zur Hochzeit des Grafen von Artois im neuen Opernhaus von Versailles gegeben (1773)
Die Krönungsoper für Louis XVI ist "Iphigenie en Aulide" von Gluck, ein Jahr später.
Die Zeitgenossen sahen darin den Beginn einer neuen Epoche.

Gretrys Oper imitiert den konservativen Stil der in Versailles noch in Mode war, seine Musik erinnert hier vor allem an Rameau, Mondonville oder am das Duo Francoeur & Rebel.
Es gibt herrliche Szenen und Ballette, der Höhepunkt ist die großangelegte Chaconne, wie sie seit Lully in den Bühnenwerken zu finden ist.

Die Solisten sind alle hervorragend und der Sache angemessen. Pierre-Yves Pruvot, ist ein so wunderbarer Sänger.

Diese Oper wurde ebenfalls nicht sondern warm aufgenommen, aber nicht verissen.
Ich glaube man hatte Gretry eingeladen um eben eine Oper wie "Zemire et Azor" mal am Hofe zu erleben, oder etwas ähnliches, wie sie eben in Paris zu hören waren.
Stattdessen imitiert er einen längst überholten Stil.
Die Hintergründe würden mich sehr interessieren.
Aber wahrscheinlich wurde die Musik von dem alten Louis XV bestimmt, er verlangte ja auch zur Einweihung des neuen Opernhauses in Versailles, wo auch zeitgleich, die gerade beschlossene Vermählung des zukünftigen Louis XVI und Marie Antoinette gefeiert werden sollte, dass man Lullys Persée zu spielen hatte, gewissermaßen als Hochzeitsoper.
Unbekannt Montag, 6. Dezember 2010, 19:24
Hallo,

ich möchte darauf hinweisen, daß zu "Andromaque" auch bereits ein eigener thread eröffnet wurde: Grétry: "Andromaque" 1780
Unbekannt Samstag, 18. Dezember 2010, 15:45



die eindeutig beste Gretry CD die momentan auf dem Markt ist

Das Programm bietet einen guten Überblick über das Opernschaffen von Gretry:

[...]

Die Interpretation der CD ist sehr gut gelungen, wer die Stimme von Sophie Karthäuser kennt, dem brauche ich hier nichts mehr zu erzählen, eine beeindruckende Sängerin.
Das Ensemble „Les Agremens“ spielt auf historischem Instrumentarium.
Und diese Einspielung ist bestens dafür geeignet sich von der spritzigen Musik Gretrys berauschen zu lassen.


Da kann ich mich voll und ganz anschließen. Für den Erstkontakt mit Gretry war das wohl die ideale CD. Wie Du schon geschrieben hast - sehr spritzig und unterhaltsam!

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 14. März 2011, 15:11
Hallo,

ich möchte darauf hinweisen, daß zu "Andromaque" auch bereits ein eigener thread eröffnet wurde: Grétry: "Andromaque" 1780



Danke für den Verweis.



Mir zeigt das Ganze, v.a. was ich schreibe und was Duc de Berry schreibt, dass Musik nunmal einzuschätzen stets ganz viel mit persönlichem Geschmack und Hörgewohnheiten zu tun haben.



Wenn ich im Freundeskreis ein Werk von Gossec träller, sind die Barockoperfans vielleicht gelangweilt, andere finden es klasse.

Ich messe am liebsten allerdings die Opern damit, was der Komponist damit erreichen wollte, was er damit beim zeitgenössischen Publikum auslöste oder schlicht die damalige Beliebtheit.



PS: Im Nachhinein bin ich ja fast froh, so eine greißlige Inszenierung wie in Schwetzingen verpasst zu haben, wie sie von Duc de Berry beschrieben wurde, auch wenn ich im Vorhinein gespannt war, erstmalig ein Werk von Grétry live zu hören.