Unbekannt
Dienstag, 29. September 2009, 16:50
La Caravane du Caire
Vorrede:
Ich erlaube mir, einen Beitrag aus dem anderen Forum hierher zu übertragen, da mich Grétry nach wie vor sehr beschäftigt.
Ich wäre sehr interessiert von weiteren Einspielungen der Meisterwerke dieses Künstlers zu hören, zumal mich immer wieder Bekannte danach fragen, wenn sie bei mir die wunderbare Einspielung unter der Leitung von Minkowski hören.
Es mag erstaunen, dass ich just einen Komponisten zu meinem ersten Beitrag zu Opern wähle, der garnicht aus der Zeit von Rameau ist, sondern jemand der zeitgleich zur Wiener Klassik schuf. Aber ich kam nicht umhin. Denn wiewohl mich Mozart ein wenig langweilt und die Klassiker wenig ansprechen, haute mich diese Oper völlig um. Früher dachte ich, dass der große Chor für den Bassa in der "Entführung aus dem Serail" (Mozart) so das umwerfenste aus dieser Zeit wäre. Doch weit gefehlt, gegen einen Grétry machte Mozart eher ein leichtes Seuseln auch mit seinen größten Chören.
Grétry gehörte im späten 18.Jh. offenbar zu den unangefochtenen Meistern der Oper in Frankreich und er feierte Triumph auf Triumph. "La Caravanne du Caire" soll über 500-mal allein an der Opéra in Paris von 1784 bis 1829 aufgeführt worden sein. Also war es ein Werk das noch weit über den Tod des Meisters (1813) hinaus seine Erfolgsgeschichte fortsetzte.
Die Stärken der Oper selbst liegen in einer für die französische Oper typischen Mischung aus überaus gelungenem Libretto von Chédeville und einer gewaltigen Aneinanderreihung von Ohrwürmern, die damals augenblicklich zu Gassenhauern geworden sein müssen. Kein Wunder, dass viele Passagen dann im Empire Eingang in die Militärmusik fanden. Allein das "La victoire est à nous!" des 1. Aktes erfreute sich so großer Beliebtheit, dass es im Empire oft eigenständig gespielt wurde.
Jetzt aber zur Oper!
Es handelt sich um eine Opéra-ballet. Man muss dazu sagen, dass Grétry garnicht beabsichtigte die Oper wie ein Gluck mit irgendwelchen Ansprüchen auf eine reine Form zurück zu führen oder gar eine traditionelle Oper zu schaffen. Nein! Grétry wollte ganz das Gegenteil, er wollte das Beste aus der Opéra-comique, der opéra-ballet und der tragédie-lyrique zusammen nehmen und etwas originär Neues schaffen. Und das ist ihm hier auch gelungen. Die humorvollsten Partien einer französischen Oper, die ich je hörte finden sich hier (2.Akt), gleichfalls großartige Tänze, aber auch die Kämpfe, Seelenpein und so fort, wie man es von ernsthafteren Werken kennt. Zugleich hört man herraus, dass sich Grétry mit dem ganzen Streit seines Jahrhunderts um die beste Opernform zwischen Buffonisten, Ramisten und dann Gluckisten und Piccinisten beschäftigte und auch daraus seine Schlüsse zog. Er kam dem Publikum entgegen, indem er keine langweiligen oder sonstwie für die Aufmerksamkeit anstrengenden Partien ließ. Statt dessen arbeitete er stark mit den Arien, Arietten (welche man Rameau bisweilen vorgeworfen hat) und einigen großartigen Chören.
Der 1. Akt führt uns die Karavane selbst vor. Diese setzt sich aus Sklaven verschiedenster Nationalitäten zusammen, was Grétry dazu nutzt verschiedene flokloristisch anmutende Klänge einzuweben. Husca ist der Sklavenhändler, der unter anderem Saint-Phar und seine Braut Zélime bei sich hat. Da kommen auch schon Angreifer herran und wollen die Karavane überfallen. Saint-Phar bietet sich an, wenn er befreit wird, bei der Verteidigung der Karavane seinen Mut zu beweisen. Natürlich wird der Angriff, welcher vom Orchester brausend herran getragen wird, abgeschlagen und Saint-Phar erhält seine Freiheit. Von Zélime eingeleitet verkündet der große Chor "La vitoire est à nous"! Seine Braut will Husca aber nicht frei geben, da er ahnt, dass diese weit mehr als Saint-Phar wert ist. Das bringt Saint-Phar dazu am Ende noch einmal über sein Schicksal zu klagen.
Der 2. Akt spielt an verschiedenen Schauplätzen. Zuerst überzeugt Husca den Eunuchen Tamorin, sich für ihn beim Pacha Osman zu verwenden. Tamorin gelingt es nun tatsächlich den Pacha, der von einer Melancholie befallen ist, davon zu überzeugen, dass ihn die neu eingetroffenen Sklavinnen auf andere Gedanken brächten. Zuvor beschreibt noch der Pacha die Vorzüge der Franzosen(was dem französischen Publkium zweifellos schmeichelte). Immerhin hatte ihm Florestan, ein Franzose, ein Schiff gerettet. Almaïde, eigentlich die Lieblingsfrau des Pacha, ist betrübt, da er kein Interesse mehr für sie und den Harem zeigt. Der Pacha hat ein witziges Gespräch mit Tamorin, wobei die Damen Europas verglichen werden"Les Hollondaise . Hier arbeitet Grétry sogar einmal mit Rezitativen, übertreibt es aber nicht, sondern streut auch immer wieder kurze Gesangspartien ein. Überhaupt sind die Arien und Arietten sehr kurz und das macht vielleicht den enormen Unterhaltungsfaktor aus. Jedenfalls lässt sich der Pacha überzeugen, sich die Sklavinnen anzusehen - "Je veux dans le basar". Nun kommt eine der umwerfensten und überraschensten Stellen. Ein "Danse génerale" und ein Marsch, wobei die Musik unglaublich modern und mitreißend erklingt. Auf dem Basar werden drei Sklavinnen vorgestellt, welche in drei Arien ihre Gefühle über die Skaverei kundtun: Eine Französin, eine Italienerin und eine Deutsche. Die Italienerin hat dabei wohl die schwierigste Arie der Oper und singt übrigens ihre Heimatsprache, während die Deutsche eine ganz schlichte Arie besitzt mit zurückgenommenem Orchester. Es kommt wie es kommen muss, der Pacha entscheidet sich für Zélime und Saint-Phar ist höchst betrübt.
Im 3. Akt wird ein Fest im Palaste des Pacha dargestellt. Der Pacha hatte dazu unter anderem Almaïde beauftragt. Dieses Fest soll Florestan ehren. Doch dieser ist noch immer wegen seiner Traurigkeit über den Verlust seines vermissten Sohnes erfüllt von Kümmernis. Plötzlich wird Alarm geschlagen! Zélime ist entführt worden! Sofort hat man Franzosen, wohl die des Gefolges von Florestan, im Verdacht, was den wackeren Florestan erregt. Doch zu seiner Schande wird der Täter entdeckt. Es ist sein Sohn Saint-Phar! Nun hat er ihn zwar wiedergefunden, muss aber in ihm einen Verbrecher an seinem Freunde, dem Pacha erblicken. Schließlich erweichen Almaïde, Zélime und Saint-Phar das Herz des Pacha und Zélime erhält mit ihrem Saint-Phar die Freiheit. Entsprechend wird das Glück des Saint-Phar am Ausgang der Oper gefeiert. Es schließt sich eine große Ballettpartie zum Abschluss der Oper an.
Von Rameau ist man ja schon manche umwerfende Tänze und Chöre gewöhnt, aber dies alles erfährt bei Grétry noch eine Steigerung. Wie es sich für eine Opéra-Ballet gehört gibt es große Melodien zu Tänzen zu hören. Komischerweise kommt dabei das Orientalische etwas zu kurz. Stattdessen bestimmen die Nationalitäten der Sklaven die Bühne (womit man diese Passagen vielleicht ein bisschen mit "Le turc genereux", dem 1. Entrée von "Les Indes Galantes" vergleichen kann). Alles an dieser Oper ist dazu angetan, sie zu hören und eben nicht wegzuhören. Dabei fehlte mir bis jetzt ja noch der Eindruck, den wahrscheinlich damals ein großartiges Bühnenbild und die prächtigen Kostüme und die lebhaften Tänze erweckten.
Derzeit liegt mir "nur" die Einspielung von Marc Minkowski mit der Ricercar Academy vor. Leider scheint es zu Kürzungen gekommen zu sein, welche im beiliegenden Heft erwähnt wurden, wobei mir die Streichung von Englischen Tänzen am ehesten aufstößt, da mich schon interessieren würde, was damit gemeint war.
Vorrede:
Ich erlaube mir, einen Beitrag aus dem anderen Forum hierher zu übertragen, da mich Grétry nach wie vor sehr beschäftigt.
Ich wäre sehr interessiert von weiteren Einspielungen der Meisterwerke dieses Künstlers zu hören, zumal mich immer wieder Bekannte danach fragen, wenn sie bei mir die wunderbare Einspielung unter der Leitung von Minkowski hören.
Es mag erstaunen, dass ich just einen Komponisten zu meinem ersten Beitrag zu Opern wähle, der garnicht aus der Zeit von Rameau ist, sondern jemand der zeitgleich zur Wiener Klassik schuf. Aber ich kam nicht umhin. Denn wiewohl mich Mozart ein wenig langweilt und die Klassiker wenig ansprechen, haute mich diese Oper völlig um. Früher dachte ich, dass der große Chor für den Bassa in der "Entführung aus dem Serail" (Mozart) so das umwerfenste aus dieser Zeit wäre. Doch weit gefehlt, gegen einen Grétry machte Mozart eher ein leichtes Seuseln auch mit seinen größten Chören.
Grétry gehörte im späten 18.Jh. offenbar zu den unangefochtenen Meistern der Oper in Frankreich und er feierte Triumph auf Triumph. "La Caravanne du Caire" soll über 500-mal allein an der Opéra in Paris von 1784 bis 1829 aufgeführt worden sein. Also war es ein Werk das noch weit über den Tod des Meisters (1813) hinaus seine Erfolgsgeschichte fortsetzte.
Die Stärken der Oper selbst liegen in einer für die französische Oper typischen Mischung aus überaus gelungenem Libretto von Chédeville und einer gewaltigen Aneinanderreihung von Ohrwürmern, die damals augenblicklich zu Gassenhauern geworden sein müssen. Kein Wunder, dass viele Passagen dann im Empire Eingang in die Militärmusik fanden. Allein das "La victoire est à nous!" des 1. Aktes erfreute sich so großer Beliebtheit, dass es im Empire oft eigenständig gespielt wurde.
Jetzt aber zur Oper!
Es handelt sich um eine Opéra-ballet. Man muss dazu sagen, dass Grétry garnicht beabsichtigte die Oper wie ein Gluck mit irgendwelchen Ansprüchen auf eine reine Form zurück zu führen oder gar eine traditionelle Oper zu schaffen. Nein! Grétry wollte ganz das Gegenteil, er wollte das Beste aus der Opéra-comique, der opéra-ballet und der tragédie-lyrique zusammen nehmen und etwas originär Neues schaffen. Und das ist ihm hier auch gelungen. Die humorvollsten Partien einer französischen Oper, die ich je hörte finden sich hier (2.Akt), gleichfalls großartige Tänze, aber auch die Kämpfe, Seelenpein und so fort, wie man es von ernsthafteren Werken kennt. Zugleich hört man herraus, dass sich Grétry mit dem ganzen Streit seines Jahrhunderts um die beste Opernform zwischen Buffonisten, Ramisten und dann Gluckisten und Piccinisten beschäftigte und auch daraus seine Schlüsse zog. Er kam dem Publikum entgegen, indem er keine langweiligen oder sonstwie für die Aufmerksamkeit anstrengenden Partien ließ. Statt dessen arbeitete er stark mit den Arien, Arietten (welche man Rameau bisweilen vorgeworfen hat) und einigen großartigen Chören.
Der 1. Akt führt uns die Karavane selbst vor. Diese setzt sich aus Sklaven verschiedenster Nationalitäten zusammen, was Grétry dazu nutzt verschiedene flokloristisch anmutende Klänge einzuweben. Husca ist der Sklavenhändler, der unter anderem Saint-Phar und seine Braut Zélime bei sich hat. Da kommen auch schon Angreifer herran und wollen die Karavane überfallen. Saint-Phar bietet sich an, wenn er befreit wird, bei der Verteidigung der Karavane seinen Mut zu beweisen. Natürlich wird der Angriff, welcher vom Orchester brausend herran getragen wird, abgeschlagen und Saint-Phar erhält seine Freiheit. Von Zélime eingeleitet verkündet der große Chor "La vitoire est à nous"! Seine Braut will Husca aber nicht frei geben, da er ahnt, dass diese weit mehr als Saint-Phar wert ist. Das bringt Saint-Phar dazu am Ende noch einmal über sein Schicksal zu klagen.
Der 2. Akt spielt an verschiedenen Schauplätzen. Zuerst überzeugt Husca den Eunuchen Tamorin, sich für ihn beim Pacha Osman zu verwenden. Tamorin gelingt es nun tatsächlich den Pacha, der von einer Melancholie befallen ist, davon zu überzeugen, dass ihn die neu eingetroffenen Sklavinnen auf andere Gedanken brächten. Zuvor beschreibt noch der Pacha die Vorzüge der Franzosen(was dem französischen Publkium zweifellos schmeichelte). Immerhin hatte ihm Florestan, ein Franzose, ein Schiff gerettet. Almaïde, eigentlich die Lieblingsfrau des Pacha, ist betrübt, da er kein Interesse mehr für sie und den Harem zeigt. Der Pacha hat ein witziges Gespräch mit Tamorin, wobei die Damen Europas verglichen werden"Les Hollondaise . Hier arbeitet Grétry sogar einmal mit Rezitativen, übertreibt es aber nicht, sondern streut auch immer wieder kurze Gesangspartien ein. Überhaupt sind die Arien und Arietten sehr kurz und das macht vielleicht den enormen Unterhaltungsfaktor aus. Jedenfalls lässt sich der Pacha überzeugen, sich die Sklavinnen anzusehen - "Je veux dans le basar". Nun kommt eine der umwerfensten und überraschensten Stellen. Ein "Danse génerale" und ein Marsch, wobei die Musik unglaublich modern und mitreißend erklingt. Auf dem Basar werden drei Sklavinnen vorgestellt, welche in drei Arien ihre Gefühle über die Skaverei kundtun: Eine Französin, eine Italienerin und eine Deutsche. Die Italienerin hat dabei wohl die schwierigste Arie der Oper und singt übrigens ihre Heimatsprache, während die Deutsche eine ganz schlichte Arie besitzt mit zurückgenommenem Orchester. Es kommt wie es kommen muss, der Pacha entscheidet sich für Zélime und Saint-Phar ist höchst betrübt.
Im 3. Akt wird ein Fest im Palaste des Pacha dargestellt. Der Pacha hatte dazu unter anderem Almaïde beauftragt. Dieses Fest soll Florestan ehren. Doch dieser ist noch immer wegen seiner Traurigkeit über den Verlust seines vermissten Sohnes erfüllt von Kümmernis. Plötzlich wird Alarm geschlagen! Zélime ist entführt worden! Sofort hat man Franzosen, wohl die des Gefolges von Florestan, im Verdacht, was den wackeren Florestan erregt. Doch zu seiner Schande wird der Täter entdeckt. Es ist sein Sohn Saint-Phar! Nun hat er ihn zwar wiedergefunden, muss aber in ihm einen Verbrecher an seinem Freunde, dem Pacha erblicken. Schließlich erweichen Almaïde, Zélime und Saint-Phar das Herz des Pacha und Zélime erhält mit ihrem Saint-Phar die Freiheit. Entsprechend wird das Glück des Saint-Phar am Ausgang der Oper gefeiert. Es schließt sich eine große Ballettpartie zum Abschluss der Oper an.
Von Rameau ist man ja schon manche umwerfende Tänze und Chöre gewöhnt, aber dies alles erfährt bei Grétry noch eine Steigerung. Wie es sich für eine Opéra-Ballet gehört gibt es große Melodien zu Tänzen zu hören. Komischerweise kommt dabei das Orientalische etwas zu kurz. Stattdessen bestimmen die Nationalitäten der Sklaven die Bühne (womit man diese Passagen vielleicht ein bisschen mit "Le turc genereux", dem 1. Entrée von "Les Indes Galantes" vergleichen kann). Alles an dieser Oper ist dazu angetan, sie zu hören und eben nicht wegzuhören. Dabei fehlte mir bis jetzt ja noch der Eindruck, den wahrscheinlich damals ein großartiges Bühnenbild und die prächtigen Kostüme und die lebhaften Tänze erweckten.
Derzeit liegt mir "nur" die Einspielung von Marc Minkowski mit der Ricercar Academy vor. Leider scheint es zu Kürzungen gekommen zu sein, welche im beiliegenden Heft erwähnt wurden, wobei mir die Streichung von Englischen Tänzen am ehesten aufstößt, da mich schon interessieren würde, was damit gemeint war.