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Adrian Willaert (um 1490-1562) - Begründer der venezianischen Schule

Unbekannt Freitag, 12. November 2010, 15:54


Adrian Willaert wurde um 1490 in Flandern geboren. Als Geburtsort wird in einer zeitgenössischen Quelle von 1531 Roeselare (französisch Roulers) genannt, eine andere Quelle von 1628 nennt Brügge. Willaerts Vater war vermutlich Musiker.

Über Jugend und erste musikalische Ausbildung ist nichts bekannt. Laut Willaerts späterem Schüler Gioseffo Zarlino (1517-1590) begab sich Willaert nach Paris, um dort die Rechte zu studieren, wechselte dann aber zur Musik und war Schüler Jean Moutons (1459-1522), der unter Ludwig XII. und Franz I. Kapellsänger war. Nach einer anderen zeitgenössischen Quelle von 1560 soll Willaert ein Schüler von Josquin Desprez (um 1450-1521) gewesen sein. Unstrittig ist, dass Willaert durch die französische Musik der damaligen Zeit beeinflusst war.

Laut Zarlino begab sich Willaert nach seinen Studien in Paris zunächst wieder nach Flandern und anschliessend nach Italien. Zur Zeit von Papst Leo X. soll er sich in Rom aufgehalten haben (vermutlich von 1515 bis 1520, Leo X. ist 1521 gestorben). Von 1522 bis 1525 war Willaert am Hofe von Herzog Alfonso I. in Ferrara tätig, danach war er bis 1527 in Mailand Sänger in der Kapelle des Erzbischofs Ippolito II. d'Este (Sohn von Alfonso I.).

Am 12. Dezember 1527 wurde Willaert als Nachfolger von Petrus de Fossis, der ebenfalls ein flämischer Musiker war, zum Kapellmeister von San Marco in Venedig ("Magister capellae cantus ecclesiastice Sancti Marci") gewählt. Dieses Amt hatte er 35 Jahre lang inne, bis zu seinem Tod im Jahr 1562. 1542 und 1556 reiste Willaert nach Flandern, neben der Anwerbung von Sängern und Erbschaftsangelegenheiten ging es dabei möglicherweise auch um die Vorbereitung von Drucken seiner Motetten bei Susato. Um 1550 wollte er Venedig verlassen und wieder in seine Heimat zurückkehren, vielleicht im Zusammenhang mit seiner Altersgicht, die ihm zunehmend zu schaffen machte (1549 bezeichnet er sich als "sanus ... et mente et intellectu, sed corpore infirmitatis podagrarum valde infirmus"). Er entschloss sich aber auf Drängen seiner Freunde zum Bleiben und erhielt ab 1556 eine Hilfskraft zur Entlastung.

Während Willaerts Zeit als Kapellmeister wurde San Marco in Venedig zu einem Zentrum der europäischen Musikkultur. Willaert sammelte einen großen Kreis von Schülern und Freunden um sich, seine Schüler waren neben dem bereits erwähnten Musiktheoretiker Gioseffo Zarlino unter anderem Andrea Gabrieli (1510-1586), Gioseffo Guami (1540-1611), Claudio Merulo (1533-1604) und Cipriano de Rore (1515-1565). Der besondere venezianische Stil entstand zunächst durch eine Synthese von flämischen, französischen und italienischen Stilelementen in Willaerts Werken und bekam dann durch seine Bedeutung als Lehrer und von den Zeitgenossen hochangesehener Musiker Einfluss auf eine ganze Epoche. Claudio Monteverdi (1567-1643) sah noch 1607 in Willaerts Musik die Vollendung der "prima prattica".
Unbekannt Freitag, 12. November 2010, 16:52


Diese kleine Box enthält als CD 1 Adrian Willaert and Italy.Auf der CD befinden sich Kompositionen Cypriano de Rore (4), Adrian Willaert (3) u.a. Die Capella Sancti Michaelis und das Currende Consort spielen unter Ltg, von Erik van Nevel. Viel ist das auch nicht, ich muss gestehen, ich habe mehr erwartet.

lg vom eifelplatz, Chris.
Unbekannt Freitag, 12. November 2010, 17:41
Ich besitze bisher nur diese CD mit Stücken für Tasteninstrumente - auch da war Willaert so etwas wie der Begründer einer venezianischen Scule. Die Interpreten sind sehr um Abwechslung bemüht, allein durch die Verwendung verschiedener Cembali etc., aber spielerisch ist da noch mehr drin. Fabio Bonizzoni z.B. könnte das spannender musizieren.

Unbekannt Samstag, 13. November 2010, 18:49
Guten Abend

Während Willaerts Zeit als Kapellmeister wurde San Marco in Venedig zu einem Zentrum der europäischen Musikkultur.
Auch das venezianische Musikverlagswesen blühte unter Willaert auf, bereits in den 1540er Jahren suchte der Verleger Antonio Gardano den Kontakt und die Freundschaft zu Willaert und seinem Umfeld, auch um ihn zu gewinnen, seine Werke in Druck geben zu dürfen. Dies war offensichtlich erfolgreich, das Geschäft des Gardano entwickelte sich zu einem Treffpunklt von Musikern zu Austausch und Erproben neuer Werke.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard
Unbekannt Samstag, 13. November 2010, 19:18


Diese CD stand schon lange auf meinem Wunschzettel - heute habe ich sie endlich bestellt.

Zitat von Bernhard:

"Auch das venezianische Musikverlagswesen blühte unter Willaert auf,
bereits in den 1540er Jahren suchte der Verleger Antonio Gardano den
Kontakt und die Freundschaft zu Willaert und seinem Umfeld, auch um ihn
zu gewinnen, seine Werke in Druck geben zu dürfen. Dies war
offensichtlich erfolgreich, das Geschäft des Gardano entwickelte sich zu
einem Treffpunklt von Musikern zu Austausch und Erproben neuer Werke."



Die venizianischen Verlage galten seit dem Odhecaton von Petrucci als die Drucker der frühesten, besten und schönsten Notenausgaben. Das Geheimnis der Drucke mit beweglichen Lettern (andere, Blockdrucke gab es schon früher) war, die Note richtig auf bzw zwischen die Notenlinien zu setzen. Diese frühen "Wiegendrucke" sind sehr schön; z.T. wurden sie noch verziert und ausgemalt wie Handschriften.
Was ich jetzt nicht weiß, und was mich interessiert ist die Frage, ob auch Texte in diesen Überlieferungen verzeichnet sind; bei den frühen Drucken wie dem Odhecaton gibt es nur Noten. Vielleicht schreibt ja jemand im Booklet was dazu.
Die Musikverleger haben damals ordentlich Erfolg gehabt, alle Fürstenhöfe und ähnlich auf Repräsentation und Macht und Reichtum zeigende (war damals nix Böses bzw. politisch unkorrekt) Höfe, Kathedralen aber auch reiche Bürger waren versessen auf diese Produkte; es war eigentlich eine "billige" Imitation der raren Handschriften, trug aber unendlich viel zu der Verbreitung der Musik bei.

lg vom eifelplatz, Chris.

[das mit dem Zitieren lerne ich noch, versprochen.]
Unbekannt Samstag, 13. November 2010, 21:04


Diese CD stand schon lange auf meinem Wunschzettel - heute habe ich sie endlich bestellt.


Da hast Du Dir etwas Gutes getan. Diese Madrigalsammlung ist großartig und viel zu unbekannt. Dabei können wir noch froh sein, daß sie überhaupt überliefert ist, da der Entschluß zum Druck der Werke durch Alfonso d'Este mit einigen Problemen verknüpft war (näheres steht im booklet).
Bei den 25 Madrigalen handelt es sich übrigens nur um die Hälfte des gelegentlich als Willaerts "Opus summum" bezeichneten Musica Nova. Die andere Hälfte der Sammlung besteht aus 27 geistlichen Motetten, scheint aber noch nie (zumindest nicht zusammenhängend) aufgenommen worden zu sein (?) - vielleicht nehmen die Singer Pur sich auch diesem Projekt mal an.
Übrigens sind nur 24 der 25 Madrigale nach Texten von Petrarca vertont. Das 25. Stück basiert auf einem Gedicht von Panfilo Sasso.

Viele Grüße,
Martin.
Unbekannt Montag, 27. Dezember 2010, 21:23
Hallo,

neben den Petrarca-Madrigalen habe ich noch zwei kleine Stücke Willaerts auf Renaissance-Samplern.
Während die Petrarca-Madrigale eher artifizielle Musik sind, die viel Aufmerksamkeit fordert (bei mir jedenfalls), sind die anderen beiden Stücke sehr direkt und "schmissig"; es handelt sich um "Madonna mia fa" auf der Hilliards-CD mit italienischen Madrigalen (s.u.) und um "Vecchie letrose", eine neapolitanische Villanesca, auf Savalls "Carlos V."-CD (s.u.). Im zweiten Fall tut die farbige Instrumentierung Savalls ihr übriges. Da erinnert mich Willaerts Musik an den Witz der heiteren Josquin-Chansons.
Lange Rede, kurze Frage: Kennt jemand eine CD, auf der mehrere Werke dieser Art von Willaert enthalten sind?

Viele Grüße,
Martin.

Unbekannt Freitag, 31. Dezember 2010, 08:13
also ich habe noch diese Aufnahme mit "Villanelle, Chansons, Madrigali",



Ist aber längst vergriffen.
Die Vokalstücke, nur Sologesänge, werden von Katelijne van Laethem gesungen und einem recht farbigem Instrumentalensemble begleitet, was das ganze nicht so eintönig werden lässt:
Harfe, 3 Gamben, Blockflöte, Laute, Chitaronne und Schlagwerk. (Das Ensemble nennt sich "Romanesque" und wird von Philippe Malfeyt geleitet, der auch die Laute, bzw. Chitaronne zupft.
Zwischendurch gibts auch immer mal wieder reine Instrumentalstücke.

Die Interpretation ist tadelos und eigentlich ist es ziemlich schade, dass die CD anscheinend nicht mehr erhältlich ist.

Übrigens ist das Cover wohl deshalb so schlecht zu lesen, da die Beschriftung in Goldprägung gefasst ist :D
Unbekannt Freitag, 31. Dezember 2010, 13:44
Ich habe noch die hier, was hier nicht erwähnt wurde:

Ein wunderschöne Vesper mit Musik von Gabrieli, Willaert und Jachet (letzten beiden Komponisten haben die Psalmen alternatim gesetzt, also abechselnd je einen Vers.
Leider lange nicht mehr gehör, aber hae eine gute Erinnerung davon!

LG
Tamás
:wink:
Unbekannt Freitag, 31. Dezember 2010, 16:30
also ich habe noch diese Aufnahme mit "Villanelle, Chansons, Madrigali",



Ist aber längst vergriffen.

Die Interpretation ist tadelos und eigentlich ist es ziemlich schade, dass die CD anscheinend nicht mehr erhältlich ist.


Hmpf. Das könnte genau die CD sein, die ich suche. :(