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Donnerstag, 1. März 2012, 17:27

José António Carlos de Seixas (1704-1742)



José António Carlos de Seixas

Coimbra, 11 de Junho de 1704 — Lisboa, 25 de Agosto de 1742


Carlos Seixas wurde am 11. Juni 1704 als Sohn des Kathedralorganisten Francisco Vaz in Coimbra geboren. Bereits im Alter von 14 Jahren trat er die Nachfolge seines Vaters an; zwei Jahre später siedelte er nach Lissabon über, um den Posten als Organist der königlichen Kapelle anzutreten, den er bis zu seinem Tod mit nur 38 Jahren innehatte. Die Musiklexika des 18. Jahrhunderts (auch Marpurg) rühmen seine Fähigkeiten, die Übernahme bedeutender Positionen in jugendlichem Alter kann nur durch ein außerordentliches Talent begründet werden. König João V de Portugal erhob ihn 1738 in den Adelsstand; hierbei muss wohl er den Namen de Seixas angenommen haben, einige authentische Manuskriptkopien seiner Werke nennen ihn nur José António Carlos. Im gleichen Jahr wurde übrigens auch Domenico Scarlatti geadelt, der zur gleichen Zeit als mestre di capela, Hofkomponist und königlicher Musiklehrer angestellt war. Angeblich soll Scarlatti vom König um eine Beurteilung Seixas' gebeten worden sein, um diesen zu unterrichten, hätte aber "das Genie am Finger erkannt" und ihn als einen der besten Musiker bezeichnet, denen er je begegnet war, bei dem er eher selbst Unterricht nehmen sollte ... Spekulationen, dass Seixas bei Scarlatti Unterricht hatte, sind angesichts dieser Anekdote mit Vorsicht zu geniessen - da Musiker aus Italien wie auch Frankreich und Deutschland auf der iberischen Halbinsel tätig waren, stand Seixas eine ähnliche Grundlage zur Entwicklung seines Stils zur Verfügung wie Scarlatti; Datierungen sind bei den Sonaten beider praktisch nicht möglich, und die Strukuren der Sonaten beider sind trotz einer oberflächlichen Ähnlichkeit doch recht unterschiedlich. Ebensogut könnte man von einem wechselseitigen Einfluss sprechen - aber belegen lässt sich nichts davon.

Die Bedeutung Seixas' als Komponist im Rahmen seiner Zeitgenossen wird sich uns nie wirklich erschliessen - zu viel wurde bei der verheerenden Katastrophe aus Erdbeben mit Tsunami und Feuersturm, die Lissabon 1755 völlig vernichtete, unwiederbringlich zerstört, von ihm wie von seinen Kollegen. Kein einziges Autograph ist erhalten. Über 700 Cembalosonaten soll Seixas geschrieben haben, erhalten sind ungefähr hundert, die Macário Santiago Kastner im 20. Jahrhundert gesammelt und neu herausgegeben hat (in zwei Editionen von 80 und 25 Sonaten).
Von seinen Instrumentalwerken existieren nur noch eine Ouvertüre, ein kurzes Cembalokonzert und eine Sinfonia, dazu eine Missa und eine Handvoll Vokalstücke für den liturgischen Gebrauch.
In der Entfernung erfährt man nur von den ersten Künstlern, und oft begnügt man sich mit ihren Namen; wenn man aber diesem Sternenhimmel näher kommt und die von der zweiten und dritten Größe nun auch zu schimmern anfangen und jeder auch zum Sternbild gehörend hervortritt, dann wird die Welt und die Kunst reich. (Goethe)

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Donnerstag, 1. März 2012, 17:41

Einen umfassenden Überblick über Seixas' Werk bieten die 1994 entstandenen Aufnahmen von Ketil Haugsand und dem Norwegian Baroque Orchestra, die inzwischen als preiswerte Doppel-CD wieder erhältlich sind:



Die zwei original nur noch gebraucht erhältlichen CDs präsentierten einmal die Vokalmusik, zum anderen zwei Orchesterstücke, jeweils um eine Reihe Cembalosonaten ergänzt. Vier der letzteren spielt Haugsand analog entsprechender Stücke von Scarlatti auf der Orgel. Die Aufnahmen sind etwas hallig, da alles in recht großen Sälen in Coimbra oder Lissabon aufgenommen wurde; das Cembalo ist ein originales einmanualiges von Joaquim José Antunes von 1758. Alles ist sehr gut gespielt und in jeder Hinsicht repräsentativ. Aber wegen der großen Verluste ist alles gerade mal ein kleiner Einblick in das Oeuvre des Carlos Seixas ....



1. Missa: Kyrie: Kyrie Eleison
2. Missa: Kyrie. Duet: Christe Eleison
3. Missa: Kyrie: Kyrie Eleison
4. Missa: Gloria: Gloria In Excelsis Deo/Et In Terra Pax
5. Missa: Gloria. Aria: Laudamus Te
6. Missa: Gloria: Gratias Agimus Tibi
7. Missa: Gloria. Aria: Domine Deus
8. Missa: Gloria. Aria: Domine Fili Unigenite
9. Missa: Gloria: Qui Tollis
10. Missa: Gloria. Duet: Que Sedes
11. Missa: Gloria. Aria: Quoniam Tu Solus Sanctus
12. Missa: Gloria: Cum Sancto Spiritu
13. Missa: Credo: Credo in Unum Deum, Patrem Omnipotentem
14. Missa: Credo: Et Incarnatus Est
15. Missa: Credo: Crucifixus
16. Missa: Credo: Et Resurrexit
17. Missa: Credo: Et Vitam Venturi
18. Missa: Sanctus: Sanctus
19. Missa: Sanctus: Hosanna
20. Missa: Sanctus. Trio: Benedictus
21. Missa: Sanctus: Hosanna
22. Missa: Agnus Dei: Agnus Dei
23. Org Son No.76 in a: Fuga: Allegro - Minuet I - Minuet II
24. Org Son No.75 in a: Largo - Minuet
25. Org Son No.48 in G: Moderato
26. Org Son XXII in a: Fuga: Andante
27. Tantum Ergo
28. Dixit Dominus: Dixit Dominus
29. Dixit Dominus. Aria: Donec Ponam Inimicos Tuos
30. Dixit Dominus: Tecum Principium
31. Dixit Dominus. Aria: Dominus A Dextris Tuis
32. Dixit Dominus: Judicabit in Nationibus
33. Dixit Dominus. Aria: De Torrente
34. Dixit Dominus: Gloria Patri

Die Missa erweist sich als ein Stück auf der Höhe seiner Zeit, mit gut ausgearbeiteter Polyphonie, von ähnlicher Qualität wie die Kirchenmusik seiner italienischen Zeitgenossen.



1. Concerto in A: Allegro
2. Concerto in A: Adagio
3. Concerto in A: Giga: Allegro
4. Sinfonia in B flat: Allegro
5. Sinfonia in B flat: Adagio
6. Sinfonia in B flat: Minuet: Allegro
7. Kbd Sons: No.1 in C
8. Kbd Sons: No.16 in c
9. Kbd Sons: No.32 in E flat: Moderato
10. Kbd Sons: No.33 in E flat: Moderato
11. Kbd Sons: No.42 in f: Allegro-Minuet
12. Kbd Sons: No.47 in G
13. Kbd Sons: No.46 in G
14. Kbd Sons: No.57 in A: Allegro-Adagio-Allegro Assai
15. Kbd Sons: No.71 in a: Minuet I-Minuet II
16. Kbd Sons: No.79 in B flat: Allegro-Minuet

Das keine zehn Minuten dauernde Cembalokonzert im italienischen Ritornellstil ist zu kurz, um dem Solisten große Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten, war wie die Sinfonia und eine hier nicht eingespielte Ouvertüre wohl als Instrumentalmusik in einer größeren Darbietung gedacht. Immerhin ein Beweis, dass nicht nur in deutschen Landen die Emanzipation der Cembalisten als konzertierende Solisten voranschritt.
In der Entfernung erfährt man nur von den ersten Künstlern, und oft begnügt man sich mit ihren Namen; wenn man aber diesem Sternenhimmel näher kommt und die von der zweiten und dritten Größe nun auch zu schimmern anfangen und jeder auch zum Sternbild gehörend hervortritt, dann wird die Welt und die Kunst reich. (Goethe)

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Donnerstag, 1. März 2012, 17:52

Seixas' Ruf in unserer Zeit gründet sich fast ausschließlich auf seine Sonaten, oder, wie José Mazza sie nannte, tocatas für Cembalo, die sich, auch in Kombination mit Stücken von Domenico Scarlatti oder Antonio Soler, einiger Beliebheit erfreuen.

Die für meine Ohren fesselndste Aufnahme ist die von Robert Woolley, 1988 auf einem in England befindlichen Cembalo von Joaquim José Antunes, das 1785, also wesentlich später als das von Haugsand gespielte, aufgenommen.



Von allen Seixas-Aufnahmen, die ich bisher gehört habe, weist dieses Cembalo die größte Palette an Klangfarben auf, die Woolley hervorragend nutzt - man höre die herrlich trockenen, leicht schnarrenden Basstöne, wie sie auch italienische Cembali oft haben, oder den ausgesprochen schön intonierten Lautenzug. Dazu hat dieser Brite einen temperamentvollen und trotzdem sehr differenzierten Zugang zu den Stücken, mit einer großen, den oft tänzerischen Charakteren der Sonaten gut angepassten Palette an Tempi. - Woolley ist mir eigentlich immer positiv aufgefallen als Solist, gleich ob er Böhm oder Scarlatti spielt ... wenn nur eine CD mit Seixas, dann seine!
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Freitag, 2. März 2012, 00:10

Wer es komplett möchte - zumindest was die Stücke für Cembalo angeht - muss auf die derzeit im Entstehen begriffene Gesamtaufnahme von Débora Halász zurückgreifen, einer Brasilianierin ungarischer Herkunft, die ebenfalls das nötige Temperament mitbringt, aber eine weniger große Palette an differenzierten Tempi und Charakterisierungen aufweist - ihr Powerplay kann auf die Dauer etwas ermüden. Bisher habe ich nur Folge 2 gehört, auf der sie eine Kopie eines Hass-Cembalo von 1734 spielt - das muss nach dem zweimanualigen Original in Brüssel mit 1 x 16', 2 x 8' und 1 x 4' sein, Lutz Werum hat es gebaut. Es klingt nicht ganz so schön wie andere Kopien, die ich gehört habe, vielleicht haut sie als als Pianistin einfach etwas zu sehr rein - es ist eine sehr gute Aufnahme, aber nicht so differenziert wie Woolley's. Dass sie eine Hass-Kopie spielt, mag von Rafael Puyana's Scarlatti-Aufnahmen auf seinem dreimanualigen Hass inspiriert sein - Puyana geht unter dem Strich aber differenzierter und zurückhaltender mit den Registern um, und besser aufgenommen ist seine CD auch.

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Freitag, 2. März 2012, 12:22

Die Französin Anne Robert hat sogar zwei CDs mit Sonaten von Seixas für das Label BNL gemacht, 1993 auf einer Grimaldi-Kopie (---> ), und 2006 (---> ) auf einem originalen von Calisto aus dem Jahr 1780 - habe ich leider noch nicht hören können). Beide CDs sind vergriffen und nur schwer aufzutreiben. Hier eine Abbildung von Folge 2:



Anne Robert hat ebenso das nötige Temperament wie ihre Kolleginnen, spielt einen Tick ungleichmäßiger und damit unruhiger als Débora Halász. Das Überwiegen temperamentvoller Stücke mag natürlich der Überleferungssituation geschuldet sein, die gelegentlichen langsameren Stücke, die einem bei Scarlatti eine Atempause gönnen, sind bei Seixas, ähnlich wie bei Scarlatti, nicht so häufig.
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Freitag, 2. März 2012, 12:25

Auch der Brasilianer Nicolau de Figueiredo bietet eine gute Auswahl, betont die virtuose, harmonische Kühnheiten verwendende Seite von Seixas - welchen Typ Cembalo er spielt, ist mir noch nicht bekannt:

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Freitag, 2. März 2012, 12:27

Möglicherweise hat Seixas die ersten Hammerklaviere kennengelernt, die auch an den portugiesischen Hof gelangt sind - der Amerikaner Edward Parmentier, einer der Pioniere dort für historische Tasteninstrumente, hat Seixas wie auch Sebastian de Albero, Joao de Sousa Carvalho, Baldassare Galuppi, Lodovico Giustini, Domenico Scarlatti und Antonio Soler auf einem originalen Antunes-Fortepiano eingespielt:



Auf amazon USA hat es Hörbeispiele - schade, dass diese interessante Aufnahme nur überteuert gebarucht zu bekommen ist. Das Klavier klingt ein wenig nach Cristoforis Instrumenten, von denen einige ja auch nach Spanien und Portugal gelangten.
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Freitag, 2. März 2012, 12:28

Der Schweizer Bernard Brauchli ist Clavichord-Spezialist, deshalb nehme ich an, dass er seinen Seixas auch auf einem solchen spielt:




p.s. auch hier gibt es bei amazon.com Hörbeispiele. Brauchli spielt ein Clavichord von Eckehart Merzdorf, dass nach einem Original von Manuel Carmo aus dem Jahr 1796 gefertigt wurde. Ein sehr grundtöniges Clavichord, dessen Farbe schon an frühe Hammerklaviere erinnert.
In den Tiefen meiner LP-Sammlung konnte ich zwei Aufnahmen von Brauchli ausgraben, eine mit Soler, eine mit Seixas auf genau diesem Instrument. Für die 1981 für die EMI in Portugal aufgenommene LP hat der Seixas-Experte Macário Santiago Kastner den Begleittext geschrieben, in dem er sich für das Clavichord als angemessenem Instrument für diese deutlich empfindsame und galante Seite in Seixas' Musik ausspricht - das klangliche Ergebnis von Brauchlis Aufnahme gibt ihm recht, allerdings könnte er die folkloristisch inspirierten Stücke etwas temperamentvoller angehen, da sind ihm die Damen der Zunft etwas überlegen. Spielerisch ist Woolley, wie gesagt, unter dem Strich der beste.
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Freitag, 2. März 2012, 12:44

Christian Brembeck wirkt ein wenig gesetzter als die anderen in seinem Spielansatz, was das überbordende Temperament der Musik ein klein wenig im Zaum hält, was ihrer Hörbarkeit in größeren Dosen aber eher gut tut - über sein Cembalo weiß ich nichts, es klingt aber eher französisch ...

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Freitag, 2. März 2012, 12:47

Der Engländer Richard Lester kombiniert in seiner Aufnahme Soler mit Seixas - das gemeinsame iberische, von den Tänzen der Halbinsel inspirierte ist unverkennbar.

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Mittwoch, 7. März 2012, 13:24

Heute ist Folge 1 der Serie von Débora Halász bei mir eingetroffen, wie sich herausstellt, auf dem gleichen Hass-Nachbau gespielt. Die virtuose, klangprächtige Seite von Seixas liegt ihr hörbar mehr, doch ist diese erste CD etwas besser aufgenommen, so dass der mächtige Klang, wenn sie alle Register koppelt, nicht so brutal klingt wie auf der zweiten.
Fingerfertigkeit muss man auch haben für diese Stücke, denn etliche erfordern rasches Überkreuzen der Hände in großen Intervallsprüngen in flotten Tempi und dergleichen. Dass Scarlatti von diesem Kollegen beeindruckt war, kann man verstehen, und Seixas kann das nicht von Domenico gelernt haben - diese spieltechnischen Tricks waren anfangs des 18. Jahrhunderts offensichtlich der Standard für Cembalisten!
Halász' Einspielung benutzt übrigens bisher den ersten von Kastner herausgegebenen Band mit 80 Sonaten - 30 davon sind auf den beiden CDs enthalten.

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Mittwoch, 7. März 2012, 13:50

Über die Frage des zu vewendenden Tasteninstruments ist natürlich auch gemutmasst worden. Auf der iberischen Halbinsel standen in den 1730er Jahren Cembali italienischer wie flämischer Bauart zur Verfügung, wahrscheinlich auch andere Typen, natürlich Clavichorde hervorragender Qualität, und die ersten Hammerklaviere von Cristofori, die den adligen spanischen Musikliebhabern durch die Zugehörigkeit Süditaliens zum Königreich Spanien natürlich bekannt waren - man halte sich z.B. gegenwärtig, dass ein Angehöriger des portugiesischen Königshauses Lodovico Giustinis Sonatensammlung für das Cristofori-Piano in Auftrag gab (s. hier)!

Vieles an Seixas' tocatas - ich nenne sie hier bewusst so, wie es Kastner anregte, weil sich in ihnen die ganze Palette von cembalistischen wie allgemein musikalischen Stilistiken findet, die damals der in Italien gründenden Cembalomusik zur Verfügung stand - vieles ist natürlich auf einem Cembalo, vor allem italienischen Charakters, perfekt aufgehoben. Aber die subtileren Seiten, die durchaus an die sog. Empfindsamkeit erinnern, kommen, ganz wie z.B. die Musik eines Carl Philipp Emanuel Bach, auf dem Clavichord am besten zur Geltung. Bernard Brauchlis erste Seixas-Einspielung von 1981 für die EMI in Portugal ist leider nie auf CD erschienen, auf ihr meint man öfters einen anderen Komponisten zu hören, der charmante und oft eben empfindsame, fast schon "klassisch" anmutende Züge aufweist. Es kommt eben darauf an, was der Interpret in diesen Stücken sucht - das findet er dann auch. Es gibt eine breite Palette, wie schon erwähnt, zum einen strukturell: es reicht von einsätzigen oder zweisätzigen Sonaten, die an Scarlatti erinnern, über dreisätzige, die ebenso an Suiten erinnern wie an erste Versuche in Sonatenformen, oft mit einem Minuet am Schluß, bis zu viersätzigen, die äußerlich nach Corelli aussehen mit ihrer Folge langsam-schnell-langsam-schnell. Stilistisch ist es ähnlich, da stehen typische barocke Wendungen neben eher klassischen, folkloristisch inspirierte neben gutem Kontrapunkt.

Die Verwendung eines Hammerklavieres bringt dann natürlich die "moderneren" Züge besser zur Geltung, s. z.B. die leider vergiffene CD von Susanne Skyrm:

--->

... oder die weiter oben erwähnte von Erward Parmentier. Je mehr ich von der Tastenmusik dieser Zeit höre, um so mehr bin ich davon überzeugt, dass die Musik von den Bach-Söhnen bis Mozart die ganze Palette der damals zur Verfügung stehenden Instrumentenklänge braucht, um optimal dargestellt zu werden.
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Samstag, 29. November 2014, 01:38

Ein zweites Cembalokonzert in g-moll, in einer Handschrift vom offenbar gleichen Schreiber wie ein Manuskript mit Cembalosonaten von Seixas überliefert, wird von Gerhard Doderer inzwischen auch für ein authentisches Werk von Seixas gehalten - auf YouTube kann man Aufnahmen finden. Näheres in einem Artikel von Alvarenga.
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