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aficionado54

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Samstag, 30. Oktober 2010, 21:41

Carlo Ambrogio Lonati (c.1645 - c.1710-15)

Carlo Ambrogio Lonati (auch Lunati, Lainati, Leonati) wurde höchstwahrscheinlich in Mailand geboren - man kann das Geburtsjahr nur schätzen, auf c.1645 - überhaupt sind eher bruchstückhafte biografische Daten festzustellen. Sein Taufname soll Giovanni Ambrogio Leinati gewesen sein. Die Annahme, er stamme aus Mailand, etablierte sich schon im frühen 18. Jahrhundert und wird durch den mittleren Namen Ambrogio (eines heiliggesprochenen Mailänder Bischofs) gestützt.
1665 bis 1667 taucht er als Violinist in der königlichen Kapelle in Neapel auf - und könnte dort mit Nicola Matteis zusammengekommen sein - die geigentechnischen Charakteristika beider Musiker weisen Ähnlichkeiten auf. 1667 trat er in Neapel auch als Sänger auf, in Cavallis Scipione affricano. 1668 taucht sein Name in Dokumenten der Congregazione di S. Cecilia in Rom auf. Offenbar ist er bis 1677 dort gewesen und machte die Bekanntschaft der besten Musiker der Stadt, vor allem des Kastraten Giovanni Francesco Grossi ('Siface'), und besonders von Alessandro Stradella, der sein bester Freund und sozusagen Spießgeselle wurde. Lonati wird im Umkreis der exilierten Christina von Schweden als 'virtuoso' und Leiter ihres Streicherensembles genannt, auf jeden Fall seit 1673 - dies trug ihm den Spitznamen 'Il Gobbo della Regina' (der Bucklige der Königin) ein. 1673 sang er in Pasquinis L'Amor per vendetta, im Teatro Tordinona, das kurz zuvor unter Christinas Schirmherrschaft eröffnet wourden war. 1673-74 wird er als erster Geiger an S. Luigi dei Francesi und 1674-75 als Concertino Violinist am Oratorio del Crocifiso an S. Marcello aufgeführt, 1675 am Oratorio della Pietà an S. Giovanni dei Fiorentini für die Reihe von Oratorien zum Heiligen Jahr 1675.
1677 verließen Lonati und Stradella die Stadt Rom - der Grund war die Schließung der öffentlichen Theater auf Anordnung des neu gewählten Papstes Innozenz XI. als auch einige nicht näher zu bestimmende skandalöse Ereignisse - Stradella soll in mehrere amouröse Affären verwickelt gewesen sein, aber auch aus Geldmangel in dubiose Geschäfte, die die Kirche um Geld erleichtern sollten. Ein dritter Beteiligter kam ins Gefängnis. Lonati begab sich nach Genua, wohin ihm Stradella später folgte; Lonati schrieb dort Musik für eine Oper von Pasquini und 1678 seine eigene Amor per destino. Nach der Ermordung Stradellas und den dadurch ausgelösten Ermittlungen musste er Genua aber wieder verlassen.
In den 1680er Jahren wird er als Virtuose am Hof von Mantua erwähnt; in dieser Zeit produzierte er 1684 oder 1685 seine Oper Ariberto e Flavio in Venedig. 1686 wurde ihm Urlaub gewährt, um in Modena seine Oper I due germani rivali und sein einziges bekanntes Oratorium L'innocenza de Davide aufzuführen; möglicherweise war er auch für die Wiederaufführung von Stradellas Il trespolo tutore dort verantwortlich. Es gibt Hinweise, dass er seinen früheren Kollegen Siface auf dessen Reise nach England im Frühjahr 1687 begleitet hat.
1690 taucht er wieder in Genua auf, wo seine Oper Antioco, principe della Siria aufgeführt wird, seine Mitwirkung bei vier weiteren Opern in Mailand 1692 und 1694 ist ebenfalls belegt. Er scheint seine letzten Jahre in Mailand verbracht zu haben, muss aber Kontakte nach Wien gehabt haben, denn er widmete dem Kaiser Leopold I. einen Band Kantaten sowie 1701 eine Sammlung von 12 Violinsonaten. Schenkt man Veracinis Überlieferung in dessen Il trionfo della pratica musicale Glauben, muss er in jenen Jahren auch einige Zeit im Gefängnis verbracht haben. William Corbett erwarb seine Geige und bot sie 1724 in London zum Verkauf an.
Stilistische Merkmale bestätigen die schon damals etablierte Überlieferung, dass Lonati der erste Geigenlehrer von Geminiani war - das kann aber nur um 1700 in Mailand stattgefunden haben. Trotz seines verkrümmten Rückens muss Lonati einer der brilliantesten Geiger seiner Zeit gewesen sein. Vor allem Veracini schwärmt eine Generation später immer noch von Lonatis Geigenspiel. Wann und wo Lonati genau verstorben ist, liess sich bisher nicht feststellen - dass es zwischen 1710 und 1715 war, ist reine Spekulation.
In der Entfernung erfährt man nur von den ersten Künstlern, und oft begnügt man sich mit ihren Namen; wenn man aber diesem Sternenhimmel näher kommt und die von der zweiten und dritten Größe nun auch zu schimmern anfangen und jeder auch zum Sternbild gehörend hervortritt, dann wird die Welt und die Kunst reich. (Goethe)

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Samstag, 30. Oktober 2010, 22:02

Werke

Sich ein genaues Bild von Lonatis Schaffen zu machen, wird durch den offensichtlichen Verlust zahlreicher Kompositionen erschwert.

Angesichts seines Rufs als brillianter Geiger sind erstaunlich wenige Violinwerke belegt, aber sie gelten als instrumentengemäßer als die von Stradella und Colista und als kühner und weitschweifiger als die von Corelli. Die Sonaten von 1701 verwenden Doppelgriffe und Scordaturen sowie Noten bis zu 7. Lage, was ihn an die Seite von Biber und Matteis stellt. Die 6. Sonate verlangt sogar eine fünfsaitige Violine.

Seine Opern sollen sich an der vorherrschenden Mode der venzianischen Oper des späten 17. Jahrhunderts orientiert haben; mit gut gearbeiteten da capo Arien und brillianten Passagen für obligate Instrumente, darunter Trompete und Cello. Allerdings ist die Musik zum größten Teil verloren. Seine Kantaten sollen auf dem Niveau derer von Stradella und Alessandro Scarlatti stehen, im römischen Stil und ausgedehnter als in seiner Zeit üblich.

Im Repertoire der Gegenwart finden sich aber nur seine Instrumentalwerke, vor allem die 12 Violinsonaten von 1701, deren zuletzt in Dresden aufbewahrtes Originalmanuskript inzwischen verloren ist. Sicher zugeschrieben werden ihm außerdem eine Sonate für Violine und b.c. und 3 Triosonaten für 2 Violinen und b.c. - eine ihm früher zugeschriebene Gruppe von 6 Triosonaten für 2 Violinen und b.c. stammt tatsächlich von Colista. Auch drei einem C.A. zugeschriebene Violinsonaten gelten als unsicher. Weitere 46 von Brossard einem 'gobbo' zugeschriebene Stücke konnten als von Matteis identifiziert werden.
In der Entfernung erfährt man nur von den ersten Künstlern, und oft begnügt man sich mit ihren Namen; wenn man aber diesem Sternenhimmel näher kommt und die von der zweiten und dritten Größe nun auch zu schimmern anfangen und jeder auch zum Sternbild gehörend hervortritt, dann wird die Welt und die Kunst reich. (Goethe)

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Samstag, 30. Oktober 2010, 23:44

RE: Werke

Guten Abend
Sich ein genaues Bild von Lonatis Schaffen zu machen, wird durch den offensichtlichen Verlust zahlreicher Kompositionen erschwert.

Lonati soll sich gegen den Abdruck seiner Werke gewehrt haben, laut Veracini wollter er nicht, dass sie "in die Hände von Leuten fielen, die nicht einmal die Uhr lesen können !". Einige seiner Werke sollten trotzdem unter anderen Namen veröffentlicht worden sein.

Eine "Sonata VIII" für skordatiere Violine d-moll habe ich auf auf dieser



CD, vom Ensemble Alte Musik Köln qualitätsvoll eingespielt.

Gruß :wink:

aus der Kurpfalz

Bernhard

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4

Sonntag, 31. Oktober 2010, 00:37

CD-Aufnahmen

Die erste Aufnahme von Lonatis Sonaten fand erstaunlicherweise erst 1980 statt, als sich einige Dozenten der Schola Cantorum Basiliensis ihrer annahmen. Die Aufnahme der Sonaten Nr. 2, 7, 8 und 9 aus den 12 Sonaten von 1701 mit Jaap Schröder, Christophe Coin, Hopkinson Smith & Peter Williams ist immer noch sehr hörenswert, besticht durch variable Continuogestaltung - vor allem die Verwendung nur des Cellos in Nr. 9 arbeitet die kunstvolle Polyphonie sehr gut heraus.



(Die CD enthält außerdem noch einige Sonaten von Uccellini, die Schröder 1983 für die SCB-Serie eingespielt hat.)
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Sonntag, 31. Oktober 2010, 00:44

CD-Aufnahmen

Erst 2003 erschienen dann die nächsten Aufnahmen von Sonaten Lonatis mit dem auf seltene italienische Streichermusik spezialisierten Ensemble Accademia per Musica des Geigers Christoph Timpe.



Sonaten Nr. 2, 3, 4, 10, 11, 12 - letztere mit einer beeindruckenden Ciacona.


Auch wenn das gleiche Coverbild erscheint, das sind verschiedene CDs - da ist amazon ein Irrtum unterlaufen!

Diese CD enthält die drei einzeln überlieferten Triosonaten für zwei Violinen. Die Interpretation und der Klang dieser beiden CDs sind beeindruckend. Die zweite ermöglicht den direkten Vergleich mit der Musik seines Freundes Stradella und seines Konkurrenten Colista.
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Sonntag, 31. Oktober 2010, 10:04

Die Violinsonaten von 1701

Lonati datierte eine Sammlung von 12 Sonaten für Violine und Basso Continuo auf den 30. Januar 1701 - und begibt sich damit, bewusst oder unbewusst, in das Kielwasser der am 1. Januar 1700 offiziell erschienenen Violinsonaten Op. 5 von Corelli. Einige, rein äußerliche Gemeinsamkeiten fallen auf:

1. Die Anzahl von 12 Sonaten,
2. die gleichteilige Trennung von da-chiesa- und da-camera-Sonaten,
3. die fast durchgängige Fünfsätzigkeit mit fugiertem zweiten Satz und dem Verhältnis schneller Satz-langsamer Satz von 3:2,
4. das Beschließen des Zyklus' mit einem großangelegten Ostinato, welches durchgehend präsentiert wird - bei Corelli seine berühmte Follia, bei Lonati die Ciaconna.

Auf den zweiten Blick ergibt sich jedoch, dass Corelli und Lonati stilistisch und auch "ideologisch" weit auseinanderliegen.

Lonatis Violinsonaten verlangen dem Geiger eine große Virtuosität ab, die in den Werken Corellis fehlt - bei ihm liegt der Wert auf satztechnischer Raffinesse und der Ausarbeitung einer definitiven, unbezweifelbaren Sammlung vollendeter Violinkunst. Diesen Anspruch hatte Lonati offensichtlich nicht, seine Werke wirken improvisatorischer, spontaner und gewagter und vielleicht nicht mit dem Anspruch, etwas allgemeingültiges zu schaffen. Corellis Sonaten traten bald nach der Veröffentlichung einen bespielhaften Siegeszug durch die europäische Musikwelt an, wurden bereits 1710 neu aufgelegt - und Lonati verschwand schon bald in der Schublade musikalischer Kuriositäten.

Woran liegt das? Einerseits kann man rückblickend sagen, dass Corelli mit seinem Op. 5 einer ganzen Epoche von Geigern und geigenden Komponisten sozusagen mit gutem Beispiel voranging. Er schuf somit den Grundstein für eine ganz neue, quasi hochbarocke Violinschule, die den Blick weit ins 18. Jahrhundert richtete - noch Tartini feilte an seinen späten Werken, um sie neben einem Corelli geltend machen zu können.
Lonati hingegen ist ein Kind des ausgehenden 17. Jahrhunderts, er ist der Tradition eines Biber, Schmelzer, Pandolfi-Mealli oder Muffat viel mehr verwurzelt. So beginnt der Großteil seiner da-camera-Sonaten mit einer sonata, wie wir sie aus den Werken Bibers kennen; über einem ausgehaltenen Akkord des Continuos - meistens die Tonika - entspinnt sich eine progressive Darstellung der geigentechnisch machbaren technischen Schwierigkeiten, auf einer Länge bis hin zu 40 Takten.
Mit dem melodiösen Preludio einer Corelli-Sonate hat das noch nichts gemein - wir befinden uns bei Lonati tatsächlich in einem der letzten Erben des stylus phantasticus, der eigentlich schon ad acta gelegt worden war (man könnte fast meinen, dass die Sonaten eine Art Schwanengesang einer Epoche seien, vergleichbar mit den ebenfalls noch sehr settecento-haften Triosonaten Buxtehudes). Der Einsatz der Skordatur ist ebefalls ein Merkmal des 17. Jahrhunderts; er wird in den Sonaten Lonatis in sechs Sonaten gefordert. Allerdings ist Skordatur in Italien auch eher selten zum Einsatz gekommen, wenn man von gelegentlichen Experimenten (z.B. Marinis Sonata per sonar con tre corde a modo di Lira) absieht - hier begibt sich Lonati auch eher in das Erbe deutscher Violinmusik. Die Skordaturen, die Lonati fordert sind weniger komplex als Bibers: a-e'-a'-e'' sowie g-d'-g'-d'' - sowie ein Kuriosum, nämlich das Fordern einer fünften Saite in der sechsten Sonate: a-e'-a'-e''-a''. Die Tanzsätze sind auch in ihrer einfachsten Form stets sehr virtuos und akkordlastig, die fugierten Sätze fordern ebenfalls eine große Vielfalt an mehrstimmigem Spiel. Die abschließende Ciaconna treibt das ganze Prinzip des stylus phantasticus ad absurdum; auf einer Spieldauer von annährend zwanzig Minuten entspinnt sich ein Kaleidoskop an geigentechnischer Raffinesse, quasi eine Bilanz, was seit der "Erfindung" der Sonate bis zu dem Zeitpunkt - 1701 - alles möglich geworden war. Die Ciaconna ist fünfsätzig, nach eben der einleitenden Ciaconna folgt ein Adagio, dann die Tanzsätze Corennte, Giga sowie Sarabanda con variazioni. Das besondere daran ist, dass der Ostinatobass (ein Tetrachord, absteigend von G in Dur) in diesen Tanzsätzen beibehalten wird und quasi "passend gemacht wird" auf den Rhythmus des jeweiligen Tanzes. Dies ist mir bisher nur in Schmelzers vierter Soante aus den Sonatae unarum fidium sowie aus der 14. Rosenkranzsonate von Biber bekannt.

Man kann also sagen, dass Lonati mit einem Fuß im 17. Jahrhundert steht, während Corelli das 18. Jahrhundert einleitet. Lonatis Violinsonaten sind somit die Apotheose einer ganzen Epoche Musikgeschichte.
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Archaeopteryx

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Sonntag, 31. Oktober 2010, 10:10

Editionsgeschichte der Sonaten

Da Lonatis Sonaten nur in einer Abschrift überliefert wurden, macht klar, warum sie kaum Verbreitung fanden. Einem glücklichen Zufall ist es freilich zu verdanken, dass wir sie heute überhaupt spielen können.

Das Manuskript gelangte in die Sächsische Landesbibliothek in Dresden, wo es im Zweiten Weltkrieg vernichtet wurde. Glücklicherweise hatte ein Musikwissenschaftler vor dem Krieg Kopien der Handschrift angefertigt, die heute in Salzburg liegen. Ohne diesen Glücksfall wären die Sonaten heute verschollen.

Auf Basis der Fotokopien hat Franz Giegling beim Amadeus-Verlag 1982 eine Neuausgabe der Sonaten veröffenlicht, die mit einem umfangreichen und lesenswerten Vorwort versehen ist (Leider wahnsinnig teuer).

Das Studio per Edizioni Scelte in Florenz hat ein von Christopher Timpe herausgegebenes (und bei weitem erschwinglicheres) Faksmile veröffentlicht, was die Fotokopien der Handschrift zugänglich macht.
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aficionado54

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Sonntag, 31. Oktober 2010, 12:59

Ich nehme an, auf die Verwandschaft zu Biber schliesst man aus stilistischen Merkmalen und der unter Italienern eher seltenen Verwendung der Scordatura - dass Lonati Noten von Bibers Sonaten kannte, lässt sich doch wohl kaum belegen? Oder gibt es allgemeine Hinweise auf dessen Einfluss südlich der Alpen?
In der Entfernung erfährt man nur von den ersten Künstlern, und oft begnügt man sich mit ihren Namen; wenn man aber diesem Sternenhimmel näher kommt und die von der zweiten und dritten Größe nun auch zu schimmern anfangen und jeder auch zum Sternbild gehörend hervortritt, dann wird die Welt und die Kunst reich. (Goethe)

Tschabrendeki

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9

Sonntag, 31. Oktober 2010, 13:15

Ich nehme an, auf die Verwandschaft zu Biber schliesst man aus stilistischen Merkmalen und der unter Italienern eher seltenen Verwendung der Scordatura - dass Lonati Noten von Bibers Sonaten kannte, lässt sich doch wohl kaum belegen? Oder gibt es allgemeine Hinweise auf dessen Einfluss südlich der Alpen?
Da fühl ich mich angesprochen... :D

In dem Habsburgerreich waren ja mehrere italienische Geiger aktiv, so Pandolfi-Mealli, Viviani oder Albertini. Sowohl Pandolfi als auch Viviani gingen später zurück nach Italien, letztere war sogar zeitweise Dirigent von Oratorien in Rom, wo auch Corelli mitgespielt hat, der wiederum Kollege von Lonati in Rom war!

Es ist durchaus im bereich des Möglichen (und das wird auch allgemein angenommen), dass Viviani Werke von Biber mit sich nach Italien nahm und sie dort verbreitete.

Die Wirkung von Biber auf Corelli wurde bereits wissenschaftlich thematisiert. (Ich habe aber die diesebezüglichen Artikel noch nicht gelesen. - MANFRED HERMANN SCHMID: "Elemente des schriftlosen Musizierens in Violinwerken des 17. Jahrhunderts und ihre Bedeutung für das spätere Solokonzert." in: Jahrbuch für musikalische Volks- und Völkerkunde 13 (1988) S. 23-43. und ders. "Der Auftritt des Virtuosen - Zu den Violinsonaten von Biber und Corelli" in: Jakob Stainer und seine Zeit. Hg. von Walter Salmen (= Innsbrucker Beiträge zur Musikwissenschaft 10.) Innsbruck 1984. S. 135-142.))

Zeitgenössische Zeugen berichten dass die "Soli" von Biber (also die 1681er Sammlung) auch in Frankreich und Italien Verbreitung fand und Biber dadurch internationales Ansehen erwarb.

Wenn man weiter bedenkt, dass Lonati seine Violinsonaten dem Kaiser Leopold I. gewidmet hat, wäre natürlich auch zu bedenken, dass er bewusst in einem mehr österreichischem Stil komponiert hat - und wer könnten da besser als Beispiele für ihn dienen als Schmelzer oder Biber?

LG
Tamás
:wink:

Archaeopteryx

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10

Sonntag, 31. Oktober 2010, 13:26

Wenn man weiter bedenkt, dass Lonati seine Violinsonaten dem Kaiser Leopold I. gewidmet hat, wäre natürlich auch zu bedenken, dass er bewusst in einem mehr österreichischem Stil komponiert hat - und wer könnte da besser als Beispiele für ihn dienen als Schmelzer oder Biber?
Das klingt einleuchtend - so könnte man es auch sehen. Wenn man bedenkt, was da alles aufeinander prallte in dieser Zeit, könnte es durchaus passiert sein, dass Lonati österreichische Violinmusik kannte.
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Sonntag, 31. Oktober 2010, 13:34

Gossip

Ein paar weitere, interessante Details aus Lonatis Leben...

Lonati war - ob seit Geburt oder durch spätere Krankheit, ist nicht bekannt - von buckliger Gestalt, und wurde hinter seinem Rücken "il gobbo della regina", der Buckel der Königin (Christina von Schweden) genannt. Seine offenbar sehr enge Freundschaft mit Allessandro Stradella brachte ihn aber nicht nur zu edlen musikalischen Handlungen, offenbar standen die beiden vor Gericht, weil sie mit gestrecktem Getreide gehandelt hatten. Vielleicht war Lonati auch in irgendeiner Weise in die Liebesabenteuer Stradellas verstrickt, die zu dessen Verhängnis wurden, denn nach dessen Ermordung wurde ihm von einem Genueser Gericht geraten, schleunigst das Weite zu suchen.

Diese Infos sind aus der Notenausgabe der Violinsonaten vom Amadeus-Verlag.
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Tschabrendeki

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12

Sonntag, 31. Oktober 2010, 13:47

In dem Habsburgerreich waren ja mehrere italienische Geiger aktiv, so Pandolfi-Mealli, Viviani oder Albertini. Sowohl Pandolfi als auch Viviani gingen später zurück nach Italien, letztere war sogar zeitweise Dirigent von Oratorien in Rom, wo auch Corelli mitgespielt hat, der wiederum Kollege von Lonati in Rom war!

Nun hab ich auch den Jahreszahlen ein wenig mehr Beachtung geschenkt:

wie oben zu lesen, verließ Lonati 1677 die Stadt Rom, Viviani kam er aber erst im Frühjahr von 1678. Ein Jahr später ist er aber bereits in Neapel. Wenn man die "Abenteuer" der beiden Vielreisenden verfolgt, sieht man, dass sie sich nie kreuzen, Lonati dürfte also Biber nicht durch persönlichem Kontakt mit Viviani kennen. Jedoch ist die Verbreitung der Solosonaten des Böhmen nach Italien vielleicht nicht unmöglich.

LG
Tamás
:wink:

Tschabrendeki

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13

Donnerstag, 4. November 2010, 15:18

The austrian connection

Lonati dürfte also Biber nicht durch persönlichem Kontakt mit Viviani kennen. Jedoch ist die Verbreitung der Solosonaten des Böhmen nach Italien vielleicht nicht unmöglich.

Oh, wie kurzsichtig von mir!

Eben hab' ich eins und eins zusammengezählt: Corelli war in den Jahren 1679-81 in Deutschland, 1681 stand er kurze Zeit in dem Dienst des bayrischen Kurfürsten. Und - gerade in diesem Jahr in Nürnberg sind die Sonatae Violino Solo des Bibern erschienen - ich halte es nicht für unmöglich, dass der junge italienische Geiger sich nicht nehmen ließ ein Exemplar davon zu kaufen (ob Biber in der Zeit - wegen des Druckes - auch in Bayern war und vielleicht die beiden auch persönlich getroffen haben??? - die Harmonia artificiosa-ariosa zeigen doch schon etwas Einfluss von Corelli). Noch 1681 kehrt der "Erzengel" nach Rom zurück - und steht mit Lonati in Verbindung! :pleased:

LG
Tamás
:wink:

Archaeopteryx

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14

Sonntag, 16. Januar 2011, 18:02

Corelli vs. Lonati??

Noch 1681 kehrt der "Erzengel" nach Rom zurück - und steht mit Lonati in Verbindung! :pleased:
1681 war Lonati aber schon weg aus Rom - er verließ die Stadt 1677, im den Jahr, in welchem Corelli dem Orchester von Christina von Schweden beitrat, wo Lonati ja offensichtlich Konzertmeister war! Hier kreuzten sich die Wege zweier brillianter Geiger, die aber offensichtlich zu unterschiedlich waren, um am selben Platz "überleben" zu können. Ich vermute, dass Lonati bereits mit seinem Kumpel Stradella genug Schwierigkeiten hatte, um in Rom weiter leben zu können, die Schließung des Theaters mochte ihr übriges getan haben, und dann tauchte noch der brilliante junge (und wahrscheinlich zu allem Überfluss auch noch attraktive??) Fusignianer auf, der ihm die Alleinherrschaft streitig machte.
Das war vermutlich zu viel für ihn - und deshalb türmte er nach Genua.
Nichtsdestotrotz scheint Corelli Lonatis Ruhm und Erfahrung imponiert zu haben - er bedankt sich in dem Vorwort zu den Triosonaten Opus 1 bei den „più valorosi professori musici di Roma“ , ohne die er diese Werke nicht hätte schaffen können.
Ob er damit Lonati meinte - und dies als Aussöhnung eines vielleicht nie ausgebrochenen Konflikts gedacht war?
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